Interview mit Matthew McConaughey Der Körper schwach, der Kopf hellwach

Von Patrick Heidmann 

Exklusiv Matthew McConaughey hat für seine Rolle als aidskranker Cowboy im Film „Dallas Buyers Club“ 20 Kilo abgenommen. Was das mit seinem Körper gemacht hat und wie er seine Oscar-Chancen einschätzt, erzählt der Hollywoodstar im StZ-Interview.

Den Golden Globe hat er schon: Matthew McConaughey Mitte Januar in Los Angeles Foto: P
Den Golden Globe hat er schon: Matthew McConaughey Mitte Januar in Los Angeles Foto: P
Stuttgart – - Noch vor ein paar Jahren war Matthew McConaughey als Star diverser romantischer Komödien eher eine Witzfigur, nun ist er dank dem Drama „Dallas Buyers Club“ der große Oscar-Favorit. Im Interview mit Patrick Heidmann spricht der 44-jährige Hollywoodstar – sichtlich wieder gut in Form – über seine bisher anspruchsvollste Rolle und den dafür nötigen Gewichtsverlust.
Mr. McConaughey, verglichen mit der Situation von Aidskranken und HIV-Positiven heute ist das Ende der achtziger Jahre, das in „Dallas Buyers Club“ zu sehen ist, fast eine andere Welt. Warum ist diese Geschichte heute noch relevant?
Zum einen haben mich, seit der Film im vergangenen Herbst Premiere hatte, viele Menschen angesprochen und sich bedankt, dass wir diese Geschichte erzählt haben. Menschen, die Freunde und Familienangehörige hatten, die damals an Aids gestorben sind und denen es wichtig ist, dass nicht vergessen wird, wie die Realität aussah. Zum anderen geht es in „Dallas Buyers Club“ ja nicht nur um Aids, sondern auch um Menschen, die nicht die Medizin bekommen haben, die sie brauchten, weil Bürokratie und vor allem die Pharmaindustrie so vieles blockierten. Das ist heute bei vielen Krankheiten und in vielen Ländern noch immer der Fall. Auch in den USA.
Sie selbst waren Mitte der achtziger Jahre ein Teenager. Erinnern Sie sich noch daran, wie die Krankheit ins Bewusstsein rückte?
Natürlich, das war ja ein großes Thema, dem man nicht entgehen konnte. Einerseits war überall davon die Rede, andererseits wurde es, wo es nur ging, totgeschwiegen. Im privaten Alltag war Aids oft ein Tabu, auch weil man lange so wenig Konkretes wusste oder nicht sicher sein konnte, welche Informationen stimmen und welche nicht. Damals dachte ich, dass ich niemanden kenne, der von der Krankheit betroffen ist. Heute bin ich mir sicher, dass mancher aus meinem Bekanntenkreis, der in jenen Jahren sagte, er habe Krebs, in Wirklichkeit an Aids gestorben ist.
Für die Rolle haben Sie mehr als 20 Kilo abgenommen. Waren Sie nicht viel zu schwach, um noch ans Spielen zu denken?
Ich war selbst überrascht davon, was mit mir durch den Gewichtsverlust passierte. Natürlich wurde ich schwächer und hatte nicht mehr so viel körperliche Energie. Aber alles, was ich vom Hals abwärts an Kraft nicht mehr hatte, gewann ich im Kopf dazu. Mental war ich plötzlich geradezu hyperaktiv. Ich war so konzentriert wie nie im Leben zuvor, ich brauchte nachts drei Stunden weniger Schlaf als sonst. Früh morgens war ich auf den Beinen, verfolgte die Nachrichten und erarbeitete mir unterschiedliche Varianten für die Szenen, die gerade auf dem Drehplan standen. Von Untätigkeit oder Müdigkeit konnte keine Rede sein. Die Energie meines Körpers ist nicht einfach verpufft, sondern hat sich bloß verlagert. Selbst wenn mich meine Kumpel plötzlich beim Ringen besiegten.
Aber gesund kann das doch nichtgewesen sein, so krank wie Sie im Film aussehen!
Es ist auch nicht so, dass ich irgendwen auffordern würde, das nachzumachen. Aber gleichzeitig ist der menschliche Körper sehr viel belastbarer als wir oft annehmen. Außerdem bestand immer noch ein großer Unterschied zwischen mir und hungernden Kindern in Afrika. Ich war nicht unterernährt, schließlich hatte ich einen Ernährungsberater an meiner Seite und habe jeden Tag mehrere Mahlzeiten gegessen. Nur eben sehr winzige Portionen. Mein Körper gewöhnte sich daran und aktivierte eigene Ressourcen, die er sonst nicht nie antastet. Nach dem Film wieder zuzunehmen war fast die gefährlichere Aufgabe.
Tatsächlich?
O ja! Wenn man lange keine Kohlenhydrate gegessen hat und irgendwann wieder damit anfängt, dann ist das fast wie eine Überdosis. Die erste volle Mahlzeit nach Drehende war eine echte Herausforderung. Mein Körper wollte am liebsten sofort von null auf hundert, aber ich musste natürlich zusehen, dass ich ihn erst langsam wieder auf das alte Niveau bringe.
Die Filme, in denen man Sie zuletzt sah, haben kaum noch etwas mit früheren Erfolgen wie „Wie werde ich ihn los . . . in 10 Tagen?“ zu tun. Ein bewusster Richtungswechsel?
Ja, ich hatte das dringende Bedürfnis, mal einen neuen Gang einzulegen. Ich hatte keine Freude mehr an den Filmen, die ich drehte. Verstehen Sie mich nicht falsch, einige von diesen Komödien mag ich bis heute, und vielleicht drehe ich auch mal wieder eine. Aber ich musste einfach mal eine andere Seite von mir zeigen. Ich suchte nach ganz neuen Erfahrungen und Herausforderungen. Rollen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass ich ihnen etwas abgewinnen könnte, was womöglich niemand sonst schaffen würde. Die richtige Entscheidung, denn ich muss sagen, dass mir meine Arbeit noch nie so viel Spaß gemacht hat wie im Moment.
Ist der Matthew McConaughey, den wir jetzt in „Dallas Buyers Club“ sehen, noch der gleiche wie damals in „Sahara“?
Ja und nein. Meine Persönlichkeit ist letztlich die gleiche geblieben. Aber natürlich habe ich mich verändert. Das tun wir doch im Idealfall alle. Jeden Tag lernen wir etwas dazu. Prinzipiell hätte ich sicherlich eine Rolle wie die in „Dallas Buyers Club“ aber schon vor fünf Jahren spielen können. Ich habe es nur nicht getan. Und man hätte sie mir vermutlich auch nicht gegeben. Von daher würde ich sagen: das Buch ist das gleiche, aber das Kapitel ein neues.
Und Sie werden wohl sogar den Oscar gewinnen . . .
Das sagen Sie! Ich rechne mit nichts. Aber ich genieße es, dass meine Arbeit anerkannt wird. Vieles von dem, was ich aktuell erlebe, passiert mir zum ersten Mal. Der erste Golden Globe, die erste Oscar-Nominierung. Ich fühle mich fast wie meine Kinder, die noch in einem Alter sind, wo sie die unterschiedlichsten Dinge zum ersten Mal erleben. Das macht alles umso besonderer. Mich jetzt in falscher Bescheidenheit zu üben wäre genauso falsch wie all diese Aufmerksamkeit als selbstverständlich hinzunehmen. Dann verpasse ich ja das Schönste. Denn egal, was die Zukunft bringt: das erste Mal wird nie wiederkommen.




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