InterviewInterview mit Murielle Rousseau Savoir vivre: den kleinen Moment genießen

Von Dirk Herrmann 

Wenn man in diesen Zeiten schon nicht unbedingt selbst nach Paris reisen möchte, macht Murielle Rousseau im Interview Lust darauf, sich zumindest nach der Pandemie als Flaneur oder Spaziergängerin der französischen Hauptstadt und ihren Parks und Gärten zu nähern.

Murielle Rousseau Foto: Benjamin Doerr
Murielle Rousseau Foto: Benjamin Doerr

Fellbach - Was wäre Paris ohne seine Gärten und Parks? Viele sind längst zu Sehenswürdigkeiten geworden. Murielle Rousseau ist Expertin für französisches Lebensgefühl und für die französische Hauptstadt. Eigentlich hätte sie zum Europäischen Kultursommer nach Fellbach kommen sollen – doch der fiel wegen Corona aus. Nun stattet sie der Stadt auf Einladung des Kulturamts doch noch einen Besuch ab. Allerdings ist ihre Präsentation mit vielen Lichtbildern, die an diesem Donnerstag um 20 Uhr im Ratssaal auf dem Programm steht, wegen der begrenzten Platzkapazitäten längst ausverkauft. Wer nicht zum Zug gekommen ist, kann Rousseau zumindest hier im Interview erleben – und einige der wunderbaren Fotos sehen.

Frau Rousseau, ist die Vorstellung vom Großstadtmoloch Paris ein Klischee?

Ja, denn Paris ist ein Dorf, auch wenn es einen historischen Kern hat. Kleine Plätze in den Vierteln, in denen die Anwohner ihre Einkäufe machen, Cafés und Märkte. Ich muss mich allerdings in einem Punkt korrigieren: Moloch ist Paris, wenn ich an den Verkehr und an die 100 Kilometer Stau denke, in dem man ab und zu steckt.

Welche Lieblingsplätze oder Lieblingsparks haben Sie? Wo liegen sie, versteckt hinter hohen Mauern oder verschlossenen Türen?

Ganz klar der Garten des Palais Royal unweit des Louvre, der sich erst auf den zweiten Blick, versteckt hinter hohen Mauern, dem Besucher offenbart. Ich schnappe mir einen der grünen Eisenstühle und setze mich gerne zum Lesen hin, die Füße an den Rand des Springbassins angelehnt.

Paris als Corona-Hotspot, es gibt Reisewarnungen der Bundesregierung für den Großraum Paris: Wie ist die Lage? Sind die Parks begehbar – und mit welchen Vorsichtsmaßnahmen?

Paris hat eine Maskenpflicht erlassen und seine Hygienemaßnahmen verschärft. Die Bars und Restaurants müssen nun wieder früher schließen. Die Menschen haben sehr gelitten und waren froh, als sie im Juni wieder öffnen durften. Nun genießen sie die letzten Herbstsonnenstrahlen.

Sie sind doch Expertin: Savoir vivre – was ist das überhaupt?

Savoir vivre ist eine gewisse Art, zu leben. Leben und leben lassen, den kleinen Moment genießen. Wir Franzosen sind da ganz gut drin, wie ich finde. Für den einen ist es etwas Kulinarisches, ein guter Tropfen zum Beispiel. Für den anderen eher ein Lächeln, eine Geste. Ich habe dem Savoir vivre ein ganzes Buch gewidmet, das bei Suhrkamp vor wenigen Jahren erschienen ist und Geschichten zu den Begriffen, die mit diesem Lebensgefühl verbunden sind, geschrieben. Diese sind wie ein Alphabet versammelt.

Sie sind jahre- oder jahrzehntelange durchs Grüne flaniert. Da sind bei Ihnen ja sicher Hunderte von Kilometern zusammengekommen. Wie konditions- und laufstark muss man sein? High Heels (oder wie heißt das im Französischen) sind da wohl kaum geeignet?

Tatsächlich ist gutes Schuhwerk unerlässlich, wenn man sich der Stadt als Flaneurin und Spaziergängerin nähern möchte. Paris besteht aus vielen Pflastersteinen, und die Parks enthalten auf kilometerlangen Strecken Sand. Ich empfehle daher unbedingt, den Einkaufsbummel durch schicke Boutiquen vorher zu erledigen, sonst fallen die staubig-sandigen Schuhe auf.

Ein Leben in zwei Ländern: Frankreich und Deutschland – fühlen Sie sich auch als zweigeteiltes Wesen? Und wie träumen Sie – auf Französisch oder Deutsch oder gar Englisch?

Ich lebe in der Tat in diesen zwei Welten, habe mir aber meine Identität als Französin immer bewahrt, zum Beispiel durch Kulinarisches („Man ist, was man isst.“) und Kulturelles wie Musik, Kunst und Literatur, auch wenn ich wegen meiner Arbeit und meiner Familie viel in Deutschland lebe. Aber Frankreich und speziell meine Heimatstadt Paris ist Teil von mir: Wenn ich nicht in Paris bin, dann schreibe ich über Paris.

Ihr Pensum ist ja enorm, als Buchautorin mit Lesungen, als Dozentin an diversen Unis, Presseagentin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Reisende und Spaziergängerin vor Ort. Ist das einfach ein ganz normales Leben? Oder haben Sie noch diverse Zuarbeiter?

Sie haben bei der Aufzählung meine beiden Kinder vergessen! Natürlich habe ich Mitarbeiter, die die Agenturprojekte vorantreiben. Die Bücher allerdings und die dazugehörenden Reisen haben damit wenig zu tun. Ich werde das zwar oft gefragt, aber ich habe wirklich viel Energie. Woher sie stammt, kann ich nicht sagen, aber es bereitet mir Spaß. Diese Beschäftigungen sind mein Leben – ich will auf nichts davon verzichten.

Wie werden Sie den Abend in Fellbach gestalten?

Ich werde über Paris erzählen, aus dem Buch lesen, plaudern, lachen. Es wird ein bisschen Chansons geben und Fotos aus dem Buch. Ich freue mich sehr auf den Abend, denn wegen Corona sind viele der geplanten Veranstaltungen zum Erscheinen meines Buches im Frühsommer ausgefallen.

Noch eine Frage zum Abschluss: Was raten Sie einem, der, wie ich, vor 29 Jahren das letzte Mal in Paris war?

Unbedingt wieder hin! Dort bei der Boulangerie Poilâne ein Landbrot, in einem Käseladen Wein und Käse einkaufen und damit an den Ufern der Seine hinsetzen und den péniches, Sie wissen, den lang­gezogenen Seine-Booten, zuschauen, wie sie langsam gen Westen tuckern, begleitet von kreischenden Stadtmöwen. Ihr Blick wandert über die Stadtkulisse von Paris. Wenn Sie dann tief ausatmen, dann wissen Sie, Sie sind angekommen.




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