InterviewInterview mit Psychotherapeutin und Autorin Wenn die Angst das Leben frisst

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„Sanft aus der Angst“ heißt das neue Buch der Kornwestheimer Psychotherapeutin Annette Allgöwer. Immer mehr Menschen leiden unter Angststörungen, Phobien, Panikattacken. Das kann das Leben der Betroffenen zerstören, aber Allgöwer macht Mut.

Wer unter einer schweren Angststörung leidet, traut sich oft nicht mal mehr vor die Tür. Foto: dpa
Wer unter einer schweren Angststörung leidet, traut sich oft nicht mal mehr vor die Tür. Foto: dpa

Ludwigsburg - Schon der Titel klingt wie ein Versprechen: „Sanft aus der Angst“ heißt das kürzlich erschienene Buch der Kornwestheimer Psychotherapeutin Annette Allgöwer, das sich an einen großen Leserkreis wendet. Denn immer mehr Menschen leiden unter Angststörungen, Phobien, Panikattacken. Das kann ein Leben zerstören. Aber wer sich seinen Ängsten stelle, dem gehe es danach besser, sagt Allgöwer. Angst sei zwar unser mächtigstes Gefühl, aber die Störung gut behandelbar.

Frau Allgöwer, täuscht der Eindruck, oder sind Menschen heute ängstlicher als früher?

Das lässt sich statistisch belegen. Angsterkrankungen sind die am weitesten verbreitete psychische Erkrankung. Allein in Deutschland sind zirka zehn Millionen Menschen in irgendeiner Form davon betroffen, und es ist ein leichter Anstieg zu beobachten. Auf der Liste der häufigsten Gründe für Krankschreibungen liegt die Angststörung bereits auf Platz fünf.

Warum ist das so?

Viele haben das Gefühl, dass die Welt unsicherer geworden ist. Wenn ich heute das Radio anschalte, höre ich als erstes von Katastrophen, von einem Flugzeugabsturz oder einem Amoklauf oder einem Terroranschlag. Die Menschen werden auf diese Weise kontinuierlich an mögliche Bedrohungen erinnert, und das kann das Sicherheitsgefühl nachhaltig beeinträchtigen.

Hilft es, den Menschen zu erklären, dass sie in einer historisch gesehen recht sicheren und friedlichen Ära leben – zumindest in Deutschland und Europa?

Das wirkt nicht. Angst ist das stärkste Gefühlssystem, das wir kennen, allein rational kommen wir dagegen nicht an. Das Gehirn ist evolutionär darauf trainiert, Angstinformationen aufzunehmen und zu behalten. Das ist einerseits ein lebensnotwendiger Mechanismus, aber gleichzeitig das Schlupfloch für eine Angststörung.

Burn-out, Depressionen, Midlife-Crisis, Panik – die Regale in Buchhandlungen sind voll mit Ratgeber-Literatur. Warum haben Sie sich entschieden, ein eigenes Buch über den Weg aus der Angst zu schreiben?

Angefangen hat es mit einzelnen Texten, die ich meinen Patienten mitgegeben habe. Daraus hat sich das Buch entwickelt. Das Thema Angst habe ich gewählt, weil Ängste relativ leicht zu therapieren sind. Ich wollte kein weiteres Fachbuch schreiben, sondern eines, das alles Wichtige beinhaltet und das trotzdem jeder verstehen kann.

Sie betonen selbst, dass Ihr Buch keine Therapie ersetzen kann. Was braucht ein Betroffener also, damit sich seine Lage bessert?

Die häufigste Gruppe der Angsterkrankungen sind die spezifischen Phobien, also Ängste mit einem klaren Auslöser: enge Räume, Aufzüge, Arztkittel, Spinnen. Ich habe einen Patienten, der Angst vor Brücken hat. Eigentlich keine große Sache, aber er wohnt auf der rechten Seite des Neckars und hat ein Jobangebot auf der linken – das schafft er nicht. So etwas ist gut behandelbar in einer Kurzeittherapie mit zwölf Sitzungen. Bei schwereren Formen dauert es länger.

Kann man sagen: Eine Therapie hilft immer?

Ja, besser wird es eigentlich immer.

Und was passiert, wenn man nichts tut?

Ängste können auf einen anderen Bereich überspringen. Wer etwa anfangs nur Angst im Flugzeug hat, bekommt Angst in der Bahn und irgendwann vielleicht überall, wo es beengt ist. Und: Ängste können sich zu einer generalisierten Angst verfestigen.

Was bedeutet das?

Es gibt Patienten, deren ganzes Leben von Angst dominiert wird. Mich haben schon Menschen angerufen und gefragt, ob ich zur Therapie zu ihnen nach Hause kommen kann, weil sie nicht mehr vor die Tür gehen können. Das kann sich anfühlen wie ein absoluter Kontrollverlust – bis hin zu dem Gefühl, man könne sich nicht mehr bewegen, sei gelähmt.

Sie nennen das Angststrudel.

Dieser Begriff beschreibt, wie nicht reale Gefahren durch die körperliche Reaktion real werden. Ein Hundephobiker trifft auf einen Hund und bewertet diesen als Gefahr. Allein diese Bewertung bewirkt eine extreme körperliche Veränderung, das Adrenalin fließt, der Herzschlag steigt. Diese Reaktion ist echt, messbar. Und so schaukeln sich Bewertung und Reaktion gegenseitig hoch. Ein Mensch mit Angststörung lernt: Was sich derart real anfühlt, muss real sein. Die Gefahr ist echt. Auch wenn es sich in Wirklichkeit nur um einen kleinen Hund in der Handtasche einer Passantin handelt.

Was tun?

Wenn der Strudel beginnt, bleibt keine Zeit zum Überlegen. Es ist wichtig, dass der Patient gewisse Strategien gelernt hat: Atemtechniken etwa oder Techniken zur bewussten Lenkung der Aufmerksamkeit. Dieses Notfallset muss vorhanden sein.

Aber die Angst ist damit nicht weg.

Angst ist das Gefühl, das uns vor Gefahren warnt – das kriegen wir nicht gelöscht. Aber wir können dieses Gefühl zähmen und dafür sorgen, dass die Alarmanlage in uns nur anspringt, wenn tatsächlich Gefahr droht.

Und wie?

Wir machen Übungen, mit denen Patienten lernen, dass ihre Angst nur durch ihre Bewertungen ausgelöst wird. Dass es nur ihre Gedanken sind, die das Angstsystem anwerfen. Diese Erkenntnis ist oft sehr wohltuend, und auf dieser Basis kann man weiterarbeiten. Mit den eigenen Bewertungen, den Bildern im Kopf, kann man spielen. Es geht darum, dass die Patienten wieder das Ruder in die Hand bekommen.

Viele Menschen versuchen stattdessen, angstauslösende Situationen zu meiden.

Das ist natürlich nachvollziehbar, aber das macht es nur schlimmer. Die Angst wächst dann, wird mächtiger. Besser ist die Konfrontation. Der Patient kann sich der Angst gewahr werden, kann sie beobachten und mit allen Sinnen durchschreiten.

Beruhigungsmittel gegen Flugangst – ist das schon eine Vermeidungsstrategie?

Ja, weil damit versucht wird, die Angst zu unterdrücken. Allerdings würde ich in solch einem Fall nicht grundsätzlich davon abraten, weil es sich um eine sehr spezifische Angst handelt, die im Alltag keine große Rolle spielt. Da halte ich Medikamente für akzeptabel.

Und generell?

Eine begleitende medikamentöse Therapie kann sinnvoll sein, aber auch hinderlich. Weil sie die Symptomatik nur verdeckt. Aber wenn jemand dauerhaft im Alarmmodus ist, hilft es, das Angstniveau erst einmal mit Medikamenten runterzufahren.

Warum sind manche Menschen empfänglicher für Angststörungen als andere?

Einer Angststörung liegen immer Erfahrungen zugrunde, die den Nährboden liefern. Wer als Kind von einem Hund erschreckt wurde, speichert das ab. Und selbst wenn diese Erfahrung fast vergessen ist, kann sie durch gewisse Auslöser wieder lebendig werden.

Es kann also jeden treffen?

Eine spezifische Phobie kann man recht schnell entwickeln, ja. Für eine generalisierte Angststörung müssen schon mehrere Dinge zusammenkommen.

Sie sind Verhaltenstherapeutin und geben Patienten Methoden an die Hand, mit denen sie ihr Handeln ändern können. Welche Rolle spielt dabei die Tiefenpsychologie, die nach unbewussten seelischen Vorgängen sucht?

Keine große Rolle, die Ansätze unterscheiden sich im therapeutischen Ansatz.

Ist Sigmund Freud nicht mehr en vogue?

Für eine spezielle Zielgruppe kann eine psychoanalytische Therapie Sinn haben – etwa, wenn es darum geht, dass Menschen sich überhaupt erst einmal öffnen. Aber die Studien zeigen, dass die Verhaltenstherapie die wirksamste Methode in der klassischen Angstbehandlung ist.

Wer in Deutschland eine Psychotherapie machen will, muss lange warten.

Es ist etwas besser geworden. Es wird politisch gefördert, dass zumindest das erste Gespräch schnell geführt werden kann. Es ist also leichter geworden, einen Therapeuten zu sehen und zu sprechen. Aber es stimmt: Das bedeutet leider nicht, dass dann auch direkt die Therapie beginnt.

Wie lange muss man im Extremfall warten?

Ich habe von Praxen gehört, die angeblich die nächsten drei Jahre keine Patienten mehr aufnehmen. Ich kann mir das nicht vorstellen. Drei bis vier Monate kann es dauern, länger sollte es nicht sein.

Immer nur über Probleme reden – Ihr Beruf muss ermüdend sein.

Jeder, der in die Praxis kommt, hat schon einen wichtigen Schritt gemacht. Er hat das Gefühl, dass sein Leben besser werden kann. Auf diesem Weg begleiten wir ihn, und meist geht es bergauf, das macht unseren Beruf sehr sinnvoll. Eine Befragung hat gezeigt, dass Psychologen sehr zufrieden sind mit ihrem Job, ich bin es auf jeden Fall.

Therapeutin
– Annette Allgöwer ist in Kornwestheim aufgewachsen und arbeitet seit 25 Jahren als Psychologin und Psychotherapeutin, ihre Praxis ist in Stuttgart. Die Therapie von Angstpatienten ist einer ihrer Schwerpunkte.

Autorin –
„Sanft aus der Angst“ ist ihr erstes Buch und soll Betroffenen helfen, den „eigenen Angstcode zu knacken“. Die Leser begleiten einen Patienten durch eine beispielhafte Angsttherapie. Elf praxiserprobte Schritte sollen „in ein Leben voller Sicherheit und Ruhe“ führen. Auffallend ist die einfache Sprache, die Allgöwer bewusst gewählt hat, um einen möglichst großen Kreis von Personen zu erreichen. Das Buch kann im Buchhandel oder auf den gängigen Internet-Plattformen bestellt werden.