InterviewEx-Profifußballer Thomas Berthold „Paris war nur das i-Tüpfelchen“

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Ex-Profifußballer Thomas Berthold spricht über den Ancelotti-Rauswurf und die Probleme des FC Bayern München. Außerdem hat er eine Theorie, wer Ancelottis Nachfolger sein könnte.

Der Weltmeister Thomas Berthold ist ein Freund der klaren Worte. Foto: dpa
Der Weltmeister Thomas Berthold ist ein Freund der klaren Worte. Foto: dpa

Stuttgart - Thomas Berthold ist Fußball-Weltmeister 1990, er absolvierte unter anderem 30 Spiele für die Bayern und 191 für den VfB Stuttgart. Er glaubt, dass bald Thomas Tuchel Trainer der Bayern wird.

Herr Berthold, war es richtig, dass die Bayern sich von Carlo Ancelotti getrennt haben?
Der FC Bayern ist da konsequent. Das 0:3 gegen Paris war nur das i-Tüpfelchen. Wenn man bisher die Saison betrachtet, kann man in München nicht zufrieden sein. Der Anspruch ist ein anderer. Jetzt wird die Thomas-Tuchel-Debatte neu entfacht. Er wohnt ja schon in München und ist frei. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bayern mit Willy Sagnol als Trainer in die Winterpause gehen.
Alles liegt mal wieder nur am Trainer.
Immer alles am Coach festzumachen finde ich nicht in Ordnung. Die Spieler müssen sich auch mal an die eigene Nase fassen. Wenn ich mich nicht durchsetzen kann wie die Bayern in Paris, dann muss man mit der Kritik auch mal bei sich anfangen.
Paris hat mit den FC Bayern kurzen Prozess gemacht.
Es fehlt nicht nur den Bayern etwas, die Bundesliga hat generell ein Technik- und Tempo-Problem. Europäische Topmannschaften wie Real Madrid und Paris spielen einen ruhigen Ball, auch wenn sie unter Druck geraten. Und auch taktisch befinden sie sich in einer anderen Welt.
Der deutsche Fußball wird abgehängt?
In der fünf Jahreswertung sind wir noch knapp vor Italien, aber es wird nicht mehr lange dauern, dann sind die Italiener auch an uns vorbei – und wir sind dann die Nummer vier. Wenn es, wie bei der Leipziger Niederlage gesehen, nicht mal mehr gegen Besiktas Istanbul reicht, also die zweite oder dritte Kategorie der Champions League, dann muss man sich schon ein paar Fragen stellen.
Nicht mal mehr die Bayern sind international eine Bank.
Ihnen fehlen elementare Spieler. Das fängt im Tor an. Sven Ulreich ist ein durchschnittlicher Torhüter, der zum unteren Drittel der Bundesliga gehört, aber kein Manuel Neuer. Rafinha hat große Defizite in der Rückwärtsbewegung, und warum in der Innenverteidigung Mats Hummels auf der Bank saß, das muss der Trainer beantworten, vielleicht war es ja verletzungsbedingt. Aber auch Thomas Müller rennt nach wie vor seiner Form hinterher. Ich frage mich, warum er so lange auf dem Platz steht, wenn auf der Bank noch Robben und Ribéry sitzen.
Sind die Bayern zu alt und satt?
Man hätte schon früher einen Schnitt machen müssen. Auch frage ich mich, warum der Club neben Robert Lewandowski nicht über einen zweiten Stürmer verfügt. Gut, es heißt bei den Bayern immer: ,Wir holen keinen Spieler, der 100 Millionen Euro kostet.’ Aber es muss doch auch andere Spieler geben, die nicht so teuer und trotzdem gut sind. Mit zwei Angreifern könnten die Bayern auch mal 4-4-2 spielen, um flexibler zu sein. Sie haben auf dem europäischen Spitzenniveau ein Tempodefizit. In der Bundesliga fällt es nicht so auf, weil sie die Gegner mehr oder weniger kontrollieren, da gerät die Mannschaft nicht so unter Druck.
Müssten Clubs wie Bayern oder Dortmund nicht auch mal Spieler für 150 Millionen Euro ausgeben?
Die Debatte haben wir schon lange, dass die Bundesliga aufpassen muss, nicht den Anschluss zu verlieren. Ein bisschen Bayern, ein bisschen Dortmund – doch was hatten wir in den vergangenen Jahren in Europa schon viel anderes gezeigt? Die Spanier sind Lichtjahre weg von allen anderen, dann kommen die Engländer. Das waren jetzt bei Paris zwei außergewöhnlich hohe Transfers. Aber man muss nicht 150 Millionen in die Hand nehmen.
Sondern?
Man muss die Spieler früh genug entdecken. Die Bayern haben viele Planer und Scouts beschäftigt, da rennen ja nicht nur zwei Leute rum. Da muss man sich auch mal fragen, ob man in den Bereichen Sichtung und Scouting überhaupt noch wettbewerbsfähig ist. Es muss doch auf diesem Planeten möglich sein, schnelle Spieler zu kriegen, die keine 150 Millionen kosten. In dieser Hinsicht haben die Bundesligaclubs große Defizite, die anderen machen einfach die besseren Jobs. Sie glauben doch nicht etwa im Ernst, dass der FC Sevilla mehr Geld hat als Bayern oder Dortmund. Aber da arbeiten kompetente Leute, die einfach schneller sind. Beim Scouting geht es um Tempo.
In Deutschland wird der Nachwuchs auch nicht richtig gefördert.
Stimmt. Die meisten jungen Spieler spielen in der Regionalliga. Die ist nicht wettbewerbsfähig, das geht da eher in Richtung Bewegungstherapie.
Auch Ancelotti war kein Freund des Nachwuchses.
Er hat in seiner ganzen Karriere, egal wo er war, immer nur mit arrivierten Stars gearbeitet. Immer nur mit denselben 15 oder 16 Spielern – der Nachwuchs hat ihn gar nicht groß interessiert.