Interview mit Wolfgang Faißt „Es ist ein Auf und Ab“

Von Kathrin Klette 

Was war 2019? Und wie geht es künftig weiter? Den Anfang des neuen Jahres nutzen wir, um mit den Bürgermeistern in der Region Bilanz zu ziehen. Heute: Wolfgang Faißt aus Renningen, den das Thema Kinderbetreuung fortwährend beschäftigt.

Das Renninger Rathaus, in dem auch Wolfgang Faißt sein Büro hat, hat seinen eigenen Charme. Doch es mangelt an Platz, und das Haus ist nicht barrierefrei. Foto: factum/Simon Granville
Das Renninger Rathaus, in dem auch Wolfgang Faißt sein Büro hat, hat seinen eigenen Charme. Doch es mangelt an Platz, und das Haus ist nicht barrierefrei. Foto: factum/Simon Granville

Renningen - Was war 2019? Und wie geht es künftig weiter? Den Anfang des neuen Jahres nutzen wir, um mit den Bürgermeistern in der Region Bilanz zu ziehen. Heute: Wolfgang Faißt aus Renningen. Kinderbetreuung, Wachstum, neues Rathaus, Hesse-Bahn: Es sind große Themen, die die Renninger bewegen – und weiter bewegen werden.

Herr Faißt, beim Neujahrsempfang in Weil der Stadt haben wir vom ersten Beigeordneten Jürgen Katz erfahren, dass Renningen jedes Jahr um 1000 Einwohner wächst…

Solche Zahlen sind völlig unrealistisch. Wir haben in der Tat das Wohngebiet Schnallenäcker II von 2015 mit 1000 Einwohnern aufgesiedelt, und auch das zukünftige Schnallenäcker III wird ab 2022 Platz für etwa 1000 Einwohner bieten. Aber das sind ja nicht nur neue Einwohner, sondern auch viele junge Familien, die aus Renningen und Malmsheim kommen. Ich bin jetzt seit 19 Jahren hier, damals hatten wir 17 000 Einwohner, jetzt sind wir bei etwa 18 600. Ich denke, das kann man durchaus als maßvolles Wachstum bezeichnen.

Im Dezember haben Sie mitgeteilt, dass die Stadt die Möglichkeit erhält, das Gelände der Volksbank Leonberg-Strohgäu an der Bahnhofstraße samt Bürogebäude zu kaufen, als Standort für ein neues Rathaus. Gibt es in dieser Sache schon Neuigkeiten?

Der Sachstand ist noch weitgehend derselbe wie im Dezember. Wir sind jetzt dabei, eine Projektgruppe im Rathaus ins Leben zu rufen, die ein Raumkonzept erarbeitet – und zwar nicht nur bezogen aufs Rathaus allein. Denn wenn es hier am Standort Verschiebungen gibt und Bereiche in die Bahnhofstraße ausgelagert werden, kann es sein, dass Teile anderer Nutzungskonzepte, zum Beispiel der Mühlgasse 6, an anderer Stelle aufgehen. Das fertige Raumkonzept wird dann dem Gemeinderat vorgelegt. Parallel sind wir natürlich weiterhin im Gespräch mit der Volksbank, was die Finanzen angeht, die Grundstücke, die Tiefgarage und so weiter.

Gibt es schon einen ungefähren Zeitplan, wann das Konzept beim Gemeinderat vorliegen wird und wie es danach weitergeht?

Ein Datum kann ich noch nicht nennen. Aber wenn der Beschluss im Gemeinderat zeitnah gefasst wird, ist es durchaus möglich, dass die Stadt noch dieses Jahr das Volksbankgebäude erwirbt und in die weiteren Planungen einsteigt.

Auf die Ankündigung eines neuen Rathauses gab es nicht nur positive Reaktionen. Vor allem im Netz waren auch Stimmen zu hören in Richtung: Es fehlen Kitaplätze, Beerdigungen auf Renninger Friedhöfen werden erheblich teurer, aber für ein Rathaus ist Geld da…

Dem muss man aber auch klar entgegnen: Das Konzept, das wir hier verfolgen, ist die Sparversion. Die ideale Lösung wäre eine Stand-alone-Version, ein Neubau wie in Leonberg. Da reden wir dann über 25 bis 30 Millionen Euro. Die Investitionssumme wird hier deutlich darunter liegen, weil wir das bestehende Gebäude in großen Teilen so, wie es ist, weiternutzen können.

Sie würden also nicht sagen, dass das Geld vornehmlich an anderer Stelle gebraucht worden wäre?

Wofür war denn in der Vergangenheit kein Geld da, wenn es benötigt wurde? Wir haben in den letzten Jahren fast ausschließlich in Kitas oder Schulen investiert, und das wird auch in den nächsten Jahren so bleiben. Unabhängig vom Rathaus werden wir jedes Jahr ein- bis zweistellige Millionenbeträge in die Zukunft der Stadt investieren. Allein in den Ausbau der Silcherschule fließen 12 bis 13 Millionen Euro, die Realschule wird acht bis neun Millionen Euro kosten. Bald kommt unsere Riedwiesensporthalle, und wir brauchen auch eine neue Mensa im Bildungszentrum und in Schnallenäcker III weitere Krippen- und Kindergartenplätze. Die Sache ist aber auch die, dass für alles, was in der Stadt passiert, es auch Leute geben muss, die es bearbeiten. Die Situation im Rathaus ist schon lange problematisch, wir haben zu wenig Platz, das Gebäude ist nicht barrierefrei und auch die sanitären Anlagen sind nicht ideal. Wir haben das aber immer hingenommen, weil wir gesagt haben: Unsere Sozial-, Bildungs- und Sporteinrichtungen haben Priorität.

War je in Überlegung, ob man das Gebäude der Volksbank für etwas anderes nutzen könnte, zum Beispiel als Pflegeheim?

Das ist ja ein Bürogebäude, das könnte man nicht einfach in ein Pflegeheim umwandeln. Dafür müsste man das Gebäude komplett ausbeinen oder gar abbrechen. Für die Unterbringung einer Verwaltung ist es dagegen gut geeignet, und mit einer Erweiterung könnte es die Platznot unserer Stadtverwaltung beheben.

Die Kinderbetreuung war und ist ebenfalls ein sehr emotionales Thema in Renningen, da es vor allem im Stadtteil Malms­heim für den Bedarf der Eltern zu wenige Betreuungsplätze gibt. Wie hat sich die Situation mittlerweile entwickelt?

Das ist ein Auf und Ab. Der neue Kindergarten an der Jahnstraße hat eine Entspannung gebracht, und der Sportkindergarten an der Rankbachstraße wird am 1. Mai aufmachen. Was uns viel mehr umtreibt, das ist der Fachkräftemangel. Wir fangen jetzt schon an, für den geplanten Kindergarten in Schnallenäcker III auch Wohnungen für Mitarbeiter einzuplanen, die auch bezahlbar sein müssen. Wir tun uns aber schwer mit Aktionen wie in Leonberg oder Herrenberg, die Prämien für Erzieher ausloben. Zum einen können wir mit Blick auf unsere Tarifbindung nicht einfach eine Berufsgruppe so bevorzugen gegenüber anderen. Und wenn es am Ende alle machen, hätte es ohnehin keinen Effekt mehr. Wir versuchen auf andere Weise, Mitarbeiter zu gewinnen.

Gibt es von Eltern weiterhin Rückmeldungen auf die Situation? Da gab es ja auch einige aufgebrachte Stimmen.

Wir sind nach wie vor im offenen Dialog mit den Eltern, das waren wir über all die Jahre. Aber wenn man schaut, mit wem die Kontroversen geführt werden, sind das überwiegend Eltern aus dem Neubaugebiet Schnallenäcker II. Dort war und ist der Bedarf am größten. Und man merkt, dass das Anspruchsdenken der Menschen gestiegen ist und sich das Verhalten gegenüber Menschen in öffentlichen Ämtern insgesamt deutlich verändert – das geht bis hin zu Drohungen. Und das betrifft bei weitem nicht nur das Thema Kinderbetreuung.

Sie finden also nicht, dass die Forderung nach einem Ganztagsplatz in der heutigen Zeit gerechtfertigt ist?

Ich verstehe die Wünsche der Eltern nach Ganztags- und Krippenplätzen. Und wir sind schon seit vielen Jahren dabei, diese Plätze zu schaffen. Aber die Gesetzeslage ist eine andere, einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung gibt es nicht.

Bei einem Rückblick auf 2019 darf natürlich die Hermann-Hesse-Bahn nicht fehlen. Die Einigung zwischen den Landkreisen Böblingen und Calw hat für Entspannung gesorgt. Doch noch fehlt die Entscheidung der Regionalversammlung. Und von dort waren im Vorfeld auch sehr kritische Stimmen zu hören. Haben Sie die Befürchtung, dass der ausgearbeitete Kompromiss doch noch gekippt werden könnte?

Nein, ich bin da guter Dinge. Bei uns im Gemeinderat fiel die Entscheidung ja auch nicht einstimmig, Gegner wird es immer geben. Aber ich bin auch in Kontakt mit Mitgliedern der Regionalversammlung, und ich sehe da aktuell keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Wir konnten erreichen, dass die Hermann-Hesse-Bahn weder den Takt der S 6 stört, noch die von der Region ab 2022 vorgesehene Express-S-Bahn im Zwischentakt beeinträchtigt. Das waren unsere Hauptziele.

Zum Abschluss noch ein etwas weniger kontroverses Thema, das trotzdem immer wieder Anlass für Diskussionen bietet: Städtepartnerschaften. In Leonberg hat die CDU-Fraktion bemängelt, dass dafür aktuell zu viel Geld eingeplant sei. Wenn Sie jemand mit dem Vorwurf konfrontieren würde, dass der Städteaustausch zu teuer sei, was würden Sie entgegnen?

Der Gemeinderat beschließt jedes Jahr mit dem Haushaltsplan neu, wie viel dafür ausgegeben werden soll. Das kann man sicherlich kontrovers diskutieren, aber man sollte nicht vergessen: Das sind ein paar 1000 Euro, um die es da geht. Wir hatten die letzten 75 Jahre Frieden in Europa. Wenn wir das erhalten und das Zusammenleben in Europa fördern wollen, müssen sich die Menschen über die nationalen Grenzen hinweg begegnen und austauschen. Auch dafür lohnt es sich zu investieren, aber das ist nicht das große Geld.




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