Interview mit Wolfgang Niedecken Noch keine Zeit für die Pension

Wolfgang Niedecken hat schon auf der Intensivstation an die Genesung von seinem Schlaganfall geglaubt. Jetzt fühlt er sich besser denn je. Foto: Achim Zweygarth
Wolfgang Niedecken hat schon auf der Intensivstation an die Genesung von seinem Schlaganfall geglaubt. Jetzt fühlt er sich besser denn je. Foto: Achim Zweygarth

Wolfgang Niedecken konnte nach seinem Schlaganfall 2011 weder sprechen noch Gitarre spielen. Jetzt rockt er wieder, plant neue Alben und will noch besser auf seine Deckung achten. Am Freitag spielt die Band BAP in Stuttgart.

StuttgartWolfgang Niedecken (62) konnte nach seinem Schlaganfall im November 2011 weder sprechen noch Gitarre spielen. Jetzt rockt er wieder, plant neue Alben und will noch besser auf seine Deckung achten.
Herr Niedecken, wie geht es Ihnen?
Mir geht es besser denn je, weil ich die Gelbe Karte des Schlaganfalls wirklich wahrgenommen habe: Ich will nicht mit Gelb-Rot vom Platz gestellt werden. Ein befreundeter Fußballspieler sagte mir: „Vorbei ist es erst, wenn der Schiedsrichter abpfeift.“ Und das würde ich gerne miterleben.

Nach Ihrem Schlaganfall im November 2011 haben Sie ein halbes Jahr nichts in Ihr Internet-Tagebuch eingetragen. Dann schrieben Sie in Ihrem ersten Eintrag im Mai 2012: „Was ich auf keinen Fall will, ist, jetzt in erster Linie zum ,Rock ’n’ Roller, der einen Schlaganfall überlebt hat’, zu werden.“ Hat sich diese Hoffnung erfüllt?
Ja, das hat wunderbar funktioniert. Bei den Konzerten, die wir gerade gespielt haben, kam ich zum ersten Mal beim vorletzten Lied des regulären Programms darauf zu sprechen, indem ich mich bei den Leuten bedankt habe. Dafür, dass sie an mich gedacht und teilweise sogar für mich gebetet haben. Es ist so viel positive Energie nach Köln geflossen. Eigentlich bin ich ja überhaupt nicht esoterisch unterwegs, aber trotzdem hat mich das Wollen der Leute, dass es mir gut geht, sehr gestärkt. Neulich habe ich vor einem Supermarkt auf meine Tochter gewartet: Da kam eine Omi mit dem Rollator, die bestimmt kein einziges BAP-Album zu Hause hat, auf mich zu und sagte: „Et ess esu schön Jung, dat et dir widder joot jeht.“ Sowas haut mich um.

In einem Interview haben Sie neulich beschrieben, dass die Häme, die Ihnen oft entgegengebracht wurde, nun in Respekt umgeschlagen sei, und dass Sie nicht mehr als der „Beratungsresistente“ wahrgenommen würden, sondern als der „Beharrliche“. Ist der veränderte Blick auf Sie eine Folge des Schlaganfalls?
Der hat dabei geholfen, aber diese Entwicklung gibt es schon länger. Als ich vor zwei Jahren meinen sechzigsten Geburtstag gefeiert habe, habe ich auf der Bühne gesagt: „Leute, das ist eigentlich nur mein sechzigster Geburtstag und nicht meine Heiligsprechung!“ Aber natürlich kann man viel beruhigter arbeiten, wenn man weiß, dass nicht ständig die Blutgrätsche kommt. Ein Grund für ihr Ausbleiben ist, glaube ich, auch, dass wir mit BAP immer besser geworden sind. Wir sind keine Band, die sich in ihr Schicksal ergibt und sich nur reproduziert, also Jahr für Jahr loszieht und Big Hits spielt. So würde es diese Band schon lange nicht mehr geben, weil es mir keinen Spaß mehr machen würde.

Als Sie nach Ihrem Schlaganfall teilweise bewegungslos und weitgehend sprachlos auf der Intensivstation lagen – haben Sie sich mehr um Ihr Leben gesorgt oder um Ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit?
Ich selbst wusste, dass alles wieder gut wird. Ich hatte große Zuversicht und habe meine Familie und das Krankenhaus-Personal bis hin zum Professor davon überzeugt, dass alles wieder okay wird. Also, ich habe mir überhaupt keine Sorgen gemacht.

Und wie geht man als Popstar, der als Macher bekannt ist, mit der Situation um, hilflos im Krankenhaus zu liegen?
Gott sei Dank habe ich ja eine wunderbar funktionierende Familie, das ist schon mal sehr viel wert. Und dann sind unser Büro, die Crew und die Band komplett hinter mir gestanden und haben mir zur Ruhe geraten. Ich habe also keinerlei Druck gespürt. Und ich konnte mich auf Professor Fink, den Chef der Neurologie in Köln, komplett verlassen. Der ist auch keiner, der einen ängstlichen Patienten heranzüchtet, sondern er hat mich immer gefordert. Das ist Teil der Therapie nach einem Schlaganfall: Du musst sehr schnell anfangen zu trainieren, damit die benachbarten Gehirnzellen ersetzen, was bei den anderen Gehirnzellen abhandengekommen ist. Nach der Intensivstation ging die Reha unmittelbar los.

Wie?
Meine Frau Tina wurde gebeten, mir meine Gitarre ins Krankenhaus mitzubringen. Die Mediziner wollten sehen, was ich noch konnte. Die Tina hat meine ersten Versuche sogar mit dem Handy gefilmt, aber ich will mir das nie ansehen: Ich konnte zwar die Griffe mit der linken Hand, das zelluläre Gedächtnis hat funktioniert, aber mir ist dauernd das Plektron aus der rechten Hand gefallen. Mit der war nicht mehr viel los.

Und die Sprache?
Ich hatte große Wortfindungsprobleme im Hochdeutschen, aber Kölsch war überhaupt nicht angegriffen. Kölsch lag tiefer. Der Kölner Musiker Hans Söper rief mich an und hat sich Riesensorgen gemacht. Ich redete mit ihm flüssig wie nur was – eben auf Kölsch. Und alle standen um das Bett rum und haben sich gefragt, was passiert ist, weil auf Deutsch habe ich nur gestammelt und nach Worten gesucht. Wenn ich jemals einen Beweis gebraucht hätte, weshalb ich auf Kölsch singe – das wäre er gewesen. Kölsch kommt bei mir aus der Seele.

Hat sich Ihr Blick auf das Leben nach dem Schlaganfall geändert? Rein äußerlich fiel auf, dass Sie mit Bart wiederkamen. . .
. . . Der Bart ist auch ne Geschichte: Wenn ich mich in den ersten Tagen und Wochen rasiert hätte, hätte ich mich wahrscheinlich lächelnd umgebracht. Um meine motorischen Fähigkeiten war es nicht gut bestellt: Im Krankenhaus musst Du ja einen Pyjama tragen, aber sowas habe ich nicht zu Hause. Also brachte mir meine Tochter einen neuen Pyjama mit. Ich schneide routinemäßig aus allen Kleidungsstücken erst mal die Etiketten raus. Das hab ich probiert, und plötzlich war ein Riesenloch in dem Pyjama. So ähnlich hätte ich mich wahrscheinlich auch rasiert. Später hab ich mir gedacht, ich könnte den Bart dranlassen, ich habe ihn dann nur etwas in Fasson gebracht.

Und abgesehen von dem Bart – was hat sich geändert?
Ich habe schon immer sehr bewusst gelebt und mich auch so ernährt. Ich rauche nicht und habe zum Beispiel schon auf unserer letzen Tournee vor dem Schlaganfall keinen Tropfen Alkohol getrunken. Jetzt trinke ich nicht mal mehr alkoholfreies Bier. Ich muss mich nicht mal überwinden, ich will einfach keinen Alkohol mehr. Wobei ich auch sagen muss, dass dieser Schlaganfall ja nicht gekommen ist, weil ich der typische Schlaganfall-Kandidat mit den typischen Symptomen wie hohem Blutdruck gewesen wäre: Ich habe im Herbst 2011 sechs Tage durchgehustet. Dabei hat sich in meiner Schlagader durch den ständigen Druck eine kleine Wunde gebildet. Aus dieser Wunde ist ein kleines Gerinsel nach oben gestiegen. Das hat den Schlaganfall verursacht.

Also hätten Sie den Schlaganfall gar nicht verhindern können?
Naja, ich hätte diesen Husten nicht gehabt, wenn ich vorher ordentlich Sport betrieben hätte und meine Abwehrkräfte auf der Reihe geblieben wären. Das ist bei mir das Problem, wenn ich zu viel zu tun habe. Auch jetzt, wo wir zweieinhalb Wochen auf Tour waren, habe ich wieder meine Deckung vernachlässigt: Ich habe mir vorgenommen, dass ich das nie wieder tue, aber es ist wieder passiert: Ich habe mich erkältet.

Und jetzt? Erhöhen Sie Ihre künstlerische Produktivität, weil Sie erfahren haben, dass die Zeit begrenzt ist? Oder planen Sie das Gegenteil: Dauerurlaub?
Mit Sicherheit nichts von beidem. Ich war immer schon Überzeugungstäter und habe immer das Privileg genossen, dass ich von dem leben kann, was ich gerne tue. Ich habe Ideen bis zum Abwinken, aber ich kann sie gar nicht alle verwirklichen, weil Du kannst nicht alle drei Monate mit irgendwas neuem kommen, das die Fangemeinde dann wieder kaufen soll. Also muss ich mich ein bisschen am Riemen reißen. Aber ich will auch nicht ohne meine Gitarre in Ferien fahren. Ich brauche sie einfach, sie ist ein Lebensmittel.




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