Interview zum Mordfall Tobias "Kein Täter kann sich in Sicherheit wiegen"

Achim Bächle, der Verteidiger des bisher Tatverdächtigen im Mordfall Tobias, ist nicht überrascht, dass sein Mandant unschuldig ist. Foto: Horst Rudel 2 Bilder
Achim Bächle, der Verteidiger des bisher Tatverdächtigen im Mordfall Tobias, ist nicht überrascht, dass sein Mandant unschuldig ist. Foto: Horst Rudel

Im Mordfall Tobias gab es lange einen Tatverdächtigen aus Weil im Schönbuch. Der Stuttgarter Anwalt Achim Bächle war sein Verteidiger.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)
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Herr Bächle, Sie haben den bisherigen Hauptverdächtigen im Mordfall Tobias verteidigt, einen jungen Mann aus Weil im Schönbuch. Hat es Sie überrascht, dass die Polizei nun offenbar den wahren Täter gefunden hat?

Nein, weil es ja an Tobias Kleidung Blutspuren gab, die nur vom Täter stammen konnten. Es war klar, dass die Polizei irgendwann auf eine Person stoßen wird, zu der diese DNA-Spuren passen. Mir war aber auch immer bewusst, dass es ohne diese Spuren schwer gewesen wäre, meinen Mandanten vor einer Verurteilung zu bewahren. Die Kriminaltechnik hat große Fortschritte gemacht. Vor 20 Jahren wäre mein Mandant aufgrund der Indizien zu Unrecht wegen Mordes verurteilt worden, der Fall wäre damit erledigt gewesen.

Ihr Mandant hatte sich selbst verdächtig gemacht, weil er Details erzählte, die mutmaßlich nur der Täter und die Polizei kennen konnten, etwa, in welcher Position die Leiche gefunden wurde. Wie erklären Sie das?

Nach dem Mord sind Reporter aus der ganzen Republik über Weil in Schönbuch hergefallen. Die haben jeden befragt, den Sie vor ihre Mikrofone kriegen konnten. Dabei wird mein Mandant einiges mitbekommen haben, was er dann als eigenes Wissen ausgegeben hat. Er war damals 15 und nicht altersgemäß entwickelt. Man könnte sagen: er wollte sich ein bisschen wichtig machen. Die Medien haben sich mit der Zeit auf ihn als Täter versteift, weil man halt keinen anderen Mörder finden konnte.

Auch Tobias Eltern waren bis gestern davon überzeugt, dass Ihr Mandant der Täter ist.

Dafür habe ich volles Verständnis. Wer seinen Sohn durch ein so brutales Verbrechen verliert, kann den Gedanken nicht ertragen, dass der Schuldige nicht zur Rechenschaft gezogen wird. In dieser Lage kann man von den Eltern keine Objektivität erwarten.

Der Verdacht gegen Ihren Mandanten wurde immer wieder in die Öffentlichkeit getragen, auch noch, als das Verfahren gegen ihn eingestellt worden war. Wie sehr hat er darunter gelitten?

Mein Mandant war vier Wochen in Untersuchungshaft, das geht an niemandem spurlos vorüber. Nach meiner Kenntnis wohnt er noch immer in Weil im Schönbuch, hat dort seine Ausbildung gemacht und geheiratet. In einem kleinen Ort ist es klar, dass ein Mordverdächtiger Anfeindungen ausgesetzt ist. Der Kollege, der ihn vor mir verteidigt hatte, legte sein Mandat nieder, nachdem seine Frau beim örtlichen Metzger nicht mehr bedient worden war.

Die Polizei ist für ihre Ermittlungsarbeit bisher heftig kritisiert worden. Zu Recht?

Nein, die Polizei hatte es sehr schwer. Das begann schon damit, dass es nach dem Mord stark geregnet hatte und somit wertvolle Spuren verwischt waren. Außerdem sind die Reporter massenweise um den Tatort herumgetrampelt und haben die Ermittlungsarbeit dadurch auch nicht gerade erleichtert.

Der Kommissar, der ursprünglich für den Fall zuständig war, hat sich vier Jahre nach dem Mord erschossen. Es heißt, weil er mit dem Fall nicht fertig wurde.

Ich weiß, dass er sehr darunter gelitten hat, dass er den Fall nicht aufklären konnte. Ob dies der Grund für seinen Freitod war, vermag ich nicht zu beurteilen. Denkbar wäre es schon.

Spielt es für Sie persönlich eine Rolle, dass der mutmaßliche Mörder von Tobias endlich gefasst wurde?

Es ist eine beruhigende Erfahrung, dass ein Täter dank einem DNA-Abgleich auch nach vielen Jahren noch überführt werden kann. Zu keinem Zeitpunkt kann sich ein Täter daher in Sicherheit wiegen.




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