Islam-Forscher über Salafismus „Alles ist erlaubt, um den Feind zu vernichten“

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Der französische Islamforscher und Dschihad-Experte Gilles Kepel äußert sich zur Islam-Extremform Salafismus sowie über mögliche Anschläge in den Wochen der Fußball-Europameisterschaft

Ein Junge in einer Koranschule nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis. Foto: AFP
Ein Junge in einer Koranschule nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis. Foto: AFP

Paris - Aus Sicht des französischen Islamforschers und Dschihadismus-Experten Gilles Kepel (60) hat der Islamische Staat mit den Pariser Anschlägen vom 13. November einen strategischen Fehler begangen. Dass die Terrormiliz die Lehren daraus zieht und während der Fußball-EM Zurückhaltung übt, hält Kepel indes für alles andere als sicher. Am Ziel, den Planeten zu islamisieren, hält der IS nach Ansicht des Franzosen fest.

Wie erklären Sie sich, dass sich junge Franzosen umbringen und dabei versuchen, möglichst viele Landsleute mit in den Tod zu reißen?
Ich habe den Eindruck, dass es für sie keine Landsleute mehr sind. Die salafistische Ideologie, der die Täter anhängen, definiert denjenigen, den man umbringt, als jemanden, mit dem man nichts mehr zu tun hat. Sei es, dass es sich um „Ungläubige“ handelt, sei es, dass es „Apostaten“ sind, also abtrünnige Muslime. In beiden Fällen hält sich ein Salafist für befugt, ihr Blut zu vergießen. Es ist für ihn nicht mehr wert als das Blut eines Hundes.

Der Salafismus ist eine ultrakonservative Lesart des Islams. Rechtfertigt er tatsächlich diese Gräueltaten?
Der Salafismus ist eine ultrakonservative Lesart des Islams. Rechtfertigt er tatsächlich diese Gräueltaten? Ja, wenn man die Texte wörtlich nimmt, rechtfertigen sie diese Taten. In den Überlieferungen des Propheten und sogar im Koran finden sich Passagen, in denen dazu aufgerufen wird, Ungläubige zu töten. Alles hängt davon ab, wie man diese Passagen interpretiert. Entweder legt man sie metaphorisch aus, womit es Muslimen dann erlaubt ist, mit Andersgläubigen zusammenzuleben. Oder man nimmt es wörtlich, wie es die Salafisten tun. Ein Dschihadist geht dann noch weiter und schreitet zur Tat. Es gibt keine Dschihadisten, die nicht auch Salafisten sind. Umgekehrt gibt es aber Salafisten, die keine Dschihadisten sind.

Hinter den Anschlägen steckt ja nicht nur eine Ideologie, sondern auch die Organisation „Islamischer Staat“ (IS). Was ist ihr Ziel?
Der „Islamische Staat“ will die Menschheit, will den Planeten islamisieren. Dazu müsste der „Islamische Staat“ die Massen mobilisieren, Sympathisanten rekrutieren, Muslime und Nicht-Muslime gegeneinander aufbringen.
Wird ihm das gelingen?
Ich glaube nicht. Es gilt da zwischen den Pariser Anschlägen vom Januar und jenen vom November vergangenen Jahres zu unterscheiden. Im Januar waren das Attentate, wie sie im Lehrbuch des Dschihadismus stehen. Sie richteten sich gegen sogenannten „Feinde des Islam“. In diesem Fall gegen Karikaturisten der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, gegen Juden und gegen einen abtrünnigen Muslimen, einen Polizisten. In der Folge gab es dann zwar die Solidaritätskundgebungen vom 11. Januar. Es gab aber auch Anzeichen einer gesellschaftlichen Spaltung. Auf der einen Seite formierten sich die „Je-suis-Charlie“-Leute, auf der anderen die „Je-ne-suis-pas-Charlie“-Leute. Im November war das anders. Da brachten sie einfach alle um, Muslime mit eingeschlossen. Das war ein unterschiedsloses Töten.

Hat der „Islamische Staat“ damit also einen strategischen Fehler begangen? Unter den Muslimen dürfte der IS damit doch kaum neue Sympathisanten rekrutiert haben.
In der Tat. Ich halte das für einen strategischen Fehler des IS. Für meine Forschungen gehe ich oft in die Gefängnisse, denen als Brutstätte des Terrors große Bedeutung zukommt. Nach den Anschlägen vom 13. November war ich im Gefängnis von Villepinte. Es liegt nördlich von Paris nicht weit vom Flughafen Charles de Gaulle. Einer der muslimischen Häftlinge hat mir erzählt wie er und die anderen Gefangenen vor dem Fernseher saßen und die Anschläge miterlebt haben. „Ich sagte mir, diese Angreifer vom Stade de France, das müssen Verrückte sein, Vollidioten“, erzählte der Mann. „Mein Bruder und mein Cousin waren an jenem Tag im Stade de France, die ganzen Typen aus meiner Vorstadtsiedlung waren ebenfalls da.“ Ein Teil der muslimischen Häftlinge hat anschließend gegen die Indoktrinierung durch die Dschihadisten rebelliert. Den Attentätern des 13. November haftet ein schlechtes Image an.
Wird der „Islamische Staat“ die Lehren daraus ziehen, dass die Pariser Anschläge vom November kontraproduktiv waren? Ist während der Fußball-EM kein blindwütiges Morden mehr zu befürchten?
Das weiß ich nicht. Der „Islamische Staat“ mag es als Kollateralschaden ansehen, dass bei den Attentaten im November Muslime ums Leben kamen. Die IS-Dschihadisten sagen ganz offen, dass dies für sie keine große Bedeutung hat. Sie sagen: „Diese Muslime sind nun tot und kommen ins Paradies.“ Wichtiger ist für die den IS, in Frankreich spektakulär zuzuschlagen.

Wie konnte sich der Salafismus in Europa ausbreiten?
Der Salafismus war lange Zeit die Doktrin einer sehr kleinen Minderheit im Islam, weil er das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen erschwert. Im Wesentlichen beschränkte sich der Salafismus auf die arabische Halbinsel. Was dazu beitrug, dass dieser Region intellektuell und sozial nur eine Randbedeutung zukam. Nach dem Steigen der Ölpreise nutzte das saudische Regime den Salafismus als Rechtfertigung dafür, dass es die Öleinnahmen nicht mit anderen Muslimen teilte. Es sah sich als führende Kraft unter den Muslimen, weil die anderen weniger fromm waren. Später exportierten die Saudis diese Ideologie dann mit Hilfe ihrer Petrodollars, sandten salafistische Prediger aus, die Muslime umwarben, die am äußeren Rand der Gesellschaft standen.

Wie passt es denn zum Selbstverständnis eines frommen Salafisten, wenn er sich als Drogenhändler oder Geldwäscher betätigt, was ein Gutteil der Pariser Attentäter ja getan hat?
Das ist für sie kein Widerspruch. Man kann aus ihrer Sicht ohne Weiteres gleichzeitig Dealer und Salafist sein, weil der Drogenhandel in ihren Augen die Existenz der Ungläubigen zerstört. Man kann auch Frauengeschichten haben. Das ist alles kein Problem. Der Zweck heiligt die Mittel. Im Dschihad ist alles erlaubt, was geeignet ist, den Feind zu täuschen und zu vernichten. Der Salafist geht davon aus, dass einem Märtyrer alle Sünden vergeben werden. Achtung! Wir sprechen hier von einer kleinen Minderheit der Muslime. Aber diese Minderheit ist dabei, die Deutungshoheit über den Islam zu gewinnen.

Was ist denn zu tun, um den Salafismus und damit auch den Dschihadismus einzudämmen? Frankreichs Premier Manuel Valls setzt zumal auf Entradikalisierungszentren.
Das sind ziemlich oberflächliche Maßnahmen. Man behandelt damit die Symptome der Krankheit, nicht deren Ursachen.

Was die Ursachen betrifft: Sind sie nicht auch sozialer Natur, etwa als eine Folge der Misere in Frankreichs Vorstädten?
Ja natürlich. Der Salafismus fasst nicht nur Fuß, weil die Ideologie passt, sondern auch weil diese Ideologie in Frankreich auf einen guten sozialen Nährboden trifft.

Sind die Pläne der französischen Regierung zur Entradikalisierung dann nur Polittheater?
Nein, vieles, was unternommen wurde oder noch unternommen werden soll, ist sinnvoll. Wir haben etwa mittlerweile viele Daten, darunter etwa die Profile von 9000 Personen, die „radikalisiert“ sind. Wobei mir dieser Begriff unpassend erscheint. Er ist viel zu weit gefasst und verhindert, dass man sich mit dem Salafismus auseinandersetzt und der kulturellen Herausforderung, die er darstellt.

Spricht man von „Radikalismus“, um nicht über den Islam reden zu müssen?
Ja, so ist es. Mit dem Begriff der „Islamophobie“ haben die Salafisten und ihre Sympathisanten ein Tabu geschaffen, ein Denkverbot, das jegliche Analyse dessen unterbinden soll, was innerhalb des Islams passiert.
Aber es gibt doch Rechtspopulisten, die sagen, der Islam habe in Europa keinen Platz, es gibt in der Gesellschaft klar anti-islamische Strömungen.
Ja, die gibt es. Aber man darf eine Religion kritisieren, das Judentum, das Christentum. Und man darf den Islam kritisieren. Das ist absolut zulässig. Im Gegenzug ist es verdammenswert und strafbar, jemanden zu verfolgen, weil er schwarz, homosexuell, jüdisch oder muslimisch ist. Das eine und das andere sind zwei grundverschiedene Dinge. Doch mit dem Schlagwort von der Islamophobie wird die Kritik an Glaubenssätzen kriminalisiert.
Wenn Sie als Islamforscher Gott oder Allah eine Frage zum besseren Verständnis von Salafismus und Dschihadismus stellen könnten, was würden Sie denn gern von ihm wissen?
Ich bin nicht gläubig. Aber eine große Lücke tut sich auf dem Gebiet der Psychologie auf. Es geht da etwa um die Fragen: Warum bringen sie sich um? Wieso ist gerade dieser oder jener Typ für Salafismus und Dschihadismus empfänglich? Ein Psychoanalytiker vertritt die These, dass der Betroffene Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle überwinden will, indem er versucht, muslimischer zu sein als die anderen – und dies bis zur letzten Konsequenz: Mord und Selbstmord.




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