Jared Leto im Porträt Extremer Typ

Von Nora Stöhr 

Jared Leto ist ein Chamäleon. Mit seiner Band 30 Seconds to Mars füllt der US-Sänger die größten Hallen der Welt, als Schauspieler ist er sogar für den Oscar nominiert. Am Mittwochabend ist er in Stuttgart zu sehen.

Mann mit Hut: Jared Leto auf dem roten Teppich bei der Premiere des Films „Dallas Buyers Club“ Foto: AP
Mann mit Hut: Jared Leto auf dem roten Teppich bei der Premiere des Films „Dallas Buyers Club“ Foto: AP

Stuttgart - Es gibt Menschen, bei denen man fast nicht anders kann, als sie zu bewundern. Jared Leto ist so ein Mensch, ein Tausendsassa, ein Multitalent: Jared Leto, der Musiker, Jared Leto, der Schauspieler, Jared Leto, der Filmemacher, Jared Leto, das Model. Der 42-jährige Amerikaner ist ein Künstler durch und durch, ein schöpferischer Geist mit einem entsprechend facettenreichen Charakter – ein Mann, der die Extreme liebt.

 

Leto als Transsexueller in „ Dallas Buyers Club“. Foto: AP
Während Leto bei Interviews seine stahlblauen Augen gerne mal hinter einer großen Sonnenbrille versteckt, sich gegenüber Journalisten kühl und verschlossen gibt und nur wenig über sein Privatleben preisgibt, gebärdet er sich als Frontmann der Band 30 Seconds to Mars auf der Bühne als exzentrischer Rockstar. Dort, auf dem großen Schauplatz vor Zigtausend tobender Fans, ist Leto alles andere als unnahbar. Das Stagediving gehört fest zu seiner Show: Der Sänger springt ins Publikum und liefert sich gänzlich der Zuneigung seiner Anhänger aus. Gegen Ende des Konzerts holt er meist eine Schar Zuschauer zu sich,seinem Bruder Shannon (Schlagzeug) und dem Keyboarder Tomo Milicevic auf die Bühne, um gemeinsam zu feiern. Die treuen Anhänger der Band 30 Seconds to Mars, die sich auch als Mars Army oder Echelon bezeichnet, scheinen ein wichtiger Bestandteil der dreiköpfigen Gruppe zu sein. „Wir haben keine Fans. Wir haben eine Familie“, sagte Leto schon in mehreren Interviews.

 

Eine Konstante, die Jared Leto – geboren am 26. Dezember 1971 in Bossier City, Louisiana – und sein anderthalb Jahre älterer Bruder Shannon in ihrer Kindheit so wohl nicht kannten. Der Vater verlässt die Familie früh. Auch die zweite Ehe ihrer Mutter Constance mit dem italienischstämmigen Carl Leto, der die Geschwister adoptiert, scheitert. Shannon und Jared wachsen in ärmlichen Verhältnissen auf, sind nach eigenen Aussagen oft auf Lebensmittelmarken angewiesen. Eine richtige Heimat ist ihnen fremd. Zigmal zieht die Mutter, eine Fotografin, mit ihren Söhnen um. So lebt Leto unter anderem in Colorado, Haiti und Alaska. Bereits als Kind fällt er durch seine künstlerischen Begabungen auf, aber auch durch Probleme in der Schule und Ärger mit der Polizei. „Wo immer du dir die Finger schmutzig machen konntest, ich hatte sie drin“, erzählte Leto einmal.

 

. . . und auf der Bühne mit seiner Band 30 Seconds ti Mars. Foto: dpa
Es sind solche Rebellionen, gepaart mit Verlangen, Liebe und Leidenschaft, die sich in Letos Liedtexten wiederfinden. Typisch für den 30-Seconds-to-Mars-Sound sind auch die Chöre, die den Eindruck erwecken, als sängen Dutzende von Fans die Refrains mit. Überladen, melodramatisch, kitschig findet manch ein Kritiker diesen Sehnsuchts-Poprock. Nichtsdestotrotz: das Trio gilt als eine der erfolgreichsten Alternative-Rockgruppen der Welt.

 

Bevor Jared Leto als Sänger, Songwriter und Regisseur einiger Musikvideos seiner Band Erfolge feiert, fällt er bereits als Schauspieler auf: Anfang der Neunziger – Leto hat gerade sein Studium der Malerei abgebrochen – gibt er sein Debüt an der Seite von Claire Danes in der Highschoolserie „Willkommen im Leben“. Es folgen bekannte Hollywoodproduktionen wie „Requiem for a Dream“ (2000), „Fight Club“ (1999) oder „Panic Room“ (2002). In diesen Rollen kann der ehrgeizige Leto beweisen, wie wandlungsfähig er ist, welch abseitige und extreme Charaktere er spielen kann und welchen Preis er für seine Transformationen zu zahlen bereit ist. Für sein Spiel als Heroinsüchtiger in „Requiem for a Dream“ nimmt er etliche Kilos ab, wie auch für seinen neuen Film „Dallas Buyers Club“, in dem Leto einen an Aids erkrankten Transsexuellen spielt. „Ich habe aufgehört zu essen“, erzählt Leto. Bei einer Größe von 1,77 Meter wog er schließlich nur noch 52 Kilo. Ein gefährliches Unterfangen, hungerte Leto doch ohne ärztliche Überwachung.

Als er Mark David Chapman, den Mörder der Beatles-Legende John Lennon, in „Chapter 27“ (2007) verkörperte, futterte Leto sich hingegen in kürzester Zeit knapp 30 Kilo auf die Rippen und war kaum mehr wiederzuerkennen: das Gesicht stark aufgedunsen, der Bauch eine Kugel. Die Pfunde verlor Leto nach dem Dreharbeiten extrem schnell wieder. Der rücksichtlose Umgang mit seinem Körper hat Folgen. Seit mehreren Jahren leidet er unter Gicht.

Nicht nur in seinen Filmen ist Leto ein Künstler der Verwandlung. Mal tritt er in der Öffentlichkeit mit einem pinkfarbenen Irokesenschnitt und im grauen Trenchcoat in Erscheinung, ein anderes Mal mit schulterlangem braunen Haar und schwarz lackierten Fingernägeln. Der 42-Jährige, der jünger aussieht, als er ist, wirkt durch seinen drahtigen Körper, sein zartes Gesicht und seine oft kajalumrandeten Augen androgyn. Ein Look, der bei Hollywoods Frauen und bei den Modelabels gefragt zu sein scheint. Leto, der vier Jahre lang mit Cameron Diaz liiert war und dem Affären mit Lindsay Lohan, Britney Spears, Paris Hilton und aktuell mit Taylor Swift nachgesagt werden, stand schon für Werbekampagnen vor der Kamera. Vor Kurzem ließ er sich nur spärlich bekleidet vom Starfotografen Terry Richardson ablichten.

Überhaupt gilt Jared Leto als Schönling. Leider stellt gerade sein Äußeres die Substanz hinter seinen Auftritten in den Schatten. Doch das könnte sich in diesem Jahr ändern. Für „Dallas Buyers Club“ gewann Leto bereits einen Golden Globe, einen Critics’ Choice Award und einen Screen Actors Guild Award als bester männlicher Nebendarsteller. Am 2. März darf er auf einen Oscar hoffen. Damit soll aber noch lange nicht Schluss sein, wie das getriebene Chamäleon Jared Leto unlängst beteuerte: „Was auch immer ich tun werde, es wird herausfordernd und unerwartet sein. Das verlange ich von mir, und das ist es, was jeder von sich und seinem Leben erwarten sollte.“

Am Mittwoch spielt Jared Leto mit seiner Band 30 Seconds to Mars in der Stuttgarter Schleyerhalle. Es gibt noch Karten.