Jazz Open: Chick Corea und Christian Sands Wie man Jazz aus dem Elfenbeinturm holt

Von Bernd Haasis 

Die Jazzpianisten Chick Corea (78) und Christian Sands (30) haben beim Festival Jazz Open sehr unterschiedliche Eindrücke hinterlassen: Der eine hat mit großer Besetzung im Alten Schloss sein „Spanish Heart“ ausgeschüttet, der andere im Bix in die Zukunft geschaut.

Chick Corea (rechts) und der Flamenco-Gitarrist Niño Josele am Montagabend im Alten Schloss Foto: Opus 18 Bilder
Chick Corea (rechts) und der Flamenco-Gitarrist Niño Josele am Montagabend im Alten Schloss Foto: Opus

Stuttgart - In Solopassagen findet Chick Corea ganz zu sich am Montagabend im Innenhof des Alten Schlosses. Der US-Pianist mit süditalienischen und spanischen Wurzeln, den Miles Davis 1968 als Nachfolger von Herbie Hancock in seine Band holte, schüttet sein „Spanish Heart“ aus: Sicher und elegant schlingt er an Flügel und Synthesizer Harmonien und Melodien ineinander, wie man es von ihm kennt. Meist aber reiht sich Corea ein in eine – für seine Verhältnisse – große Besetzung. Das aktuelle Album „Antidote“ knüpft an den Klassiker „My Spanish Heart“ von 1976 an und setzt auch auf lateinamerikanische Einflüsse. Der Schlagzeuger Marcus Gilmore (USA), ein Enkel von Roy Haynes, und der Perkussionist Luisito Quintero (Venezuela) erzeugen eine Polyrhythmik , wie man sie von Santana kennt, der dreiköpfige Bläsersatz könnte auch zu einer mexikanischen Mariachi-Kapelle gehören.

Ihre stärksten Momente hat diese Band, wenn sie ihre Möglichkeiten in ausarrangierten Teilen voll ausfährt zum Orchesterklang. Oder wenn einzelne Solisten glänzen: Der spanische Saxofonist Jorge Pardo hat eine zupackende Melodieführung, viel zu erzählen und an der Flöte einen scharfen Ansatz, der US-Trompeter Michael Rodriguez stößt derart feurige Kaskaden aus, dass sein Horn kochen müsste, und der Gitarrist Niño Josele aus dem andalusischen Almería, der in der Band des großen Paco de Lucía gespielt hat, ist ein lupenreiner Flamenco-Virtuose.

Der Meister wirkt ein wenig unsortiert

Dazwischen entstehen öfter Zwischenphasen, die ein wenig unsortiert wirken wie der Chef selbst. In der anfänglichen Bandvorstellung erinnert sich Corea nur halb, woher seine Mitmusiker stammen und woher er sie kennt, er hat vergessen, seine Noten aufzubauen, und der Ablauf mancher Stücke erscheint eher zufällig. Genau wie die Einlagen des Flamenco-Tänzers Nino de los Reyes: Er stampft, gestikuliert, posiert, schnippt und kreiselt wild, findet aber kaum eine Bindung zum Gesamtgeschehen, wie sie Tänzer etwa bei Paco de Lucía erreicht haben. Auch dessen Komposition „Zyryab“ spielt Corea und nimmt die charakteristischen Stakkato-Gitarrenläufe am Piano auf. Das Fazit des Abends bleibt durchwachsen: Lauter Könner stehen da auf der Jazz Open-Bühne, zweifellos – aber sie fügen sich nur punktuell zu einem großen Ganzen.

Wie eine Zeitreise mutet an, was derweil ein anderer amerikanischer Pianist im Jazzclub Bix darbietet: Mit seinem Trio transferiert Christian Sands klassischen Modern Jazz in die Gegenwart, er pflegt das Swing-und-Bop-Erbe auf den Spuren von Oscar Peterson, Art Tatum und Earl Hines. Und wie: Ganz frisch klingen bei Sands die Themen von damals, als wären sie exakt für diesen Abend, diesen Moment geschrieben. Zwischendurch erinnert er auch an Billy Joel, wenn er wunderschöne Fantasien entfaltet, um sie gleich wieder sanft zu brechen mit den Mitteln des Jazz. Extrem flinke Finger hat dieser Christian Sands, der mit seinen 30 Jahren in den USA schon als der prägende Pianist seiner Generation gefeiert wird. Schwindlig werden kann einem, wenn er den Turbo anwirft und flirrende Skalen in den Raum schleudert.

Sands entwickelt eine irrsinnige Dynamik

Die Rhythmusgruppe unterstützt Sands nach Kräften, stellt sich in den Dienst des Virtuosen, setzt aber durchaus Akzente: Der Bassist Yasuki Nakamura spielt sich bei einem Solo in einen kleinen Rausch, der Schlagzeuger Clarence Penn schlägt, tippt und streicht die frei sich entwickelnden Stücke aus. Sands spielt gerne mehrere bruchlos hintereinander weg, die Spannung reißt nie ab und die Musiker entwickeln eine irrsinnige Dynamik: Aus einem sich überschlagenden Crescendo kehren sie exakt auf den Punkt zurück zu einer kleinen, verträumten Jazz-Melodie in Zimmerlautstärke. Eine Nummer blenden die Musiker von Hand aus, der Penn klopft nur noch auf seinen Schenkeln, Nakamura vollführt zarteste Berührungen, Sands legt den linken Arm als Dämpfung auf die Saiten des Flügels.

Manchmal lauscht der Pianist den eigenen Tönen nach, während er in einer dunkle Ballade eine perfekte blaue Stunde ausmalt. Da leuchtet der Jazz, weit weg vom Elfenbeinturm, in den manche ihn sperren wollen, und öffnet sich den Menschen. Die Zuhörer im gut gefüllten Bix halten den Atem an und lauschen so ergriffen, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, wenn nicht die Ventilatoren so laut wären, auf die der sommerstickige Jazzclub angewiesen ist – weil die Stadt ihm, mit gesundem Menschenverstand nicht nahvollziehbar, eine Klimaanlage verweigert.

Mitten im fröhlichen Schlussapplaus erhebt sich plötzlich eine Vision: Chick Corea und Christian Sands gemeinsam auf der Bühne im Alten Schloss an gegenüberstehenden Flügeln beim Klavierduell – was für ein Festivalabend könnte das sein.