Krimikolumne

Jean-Christophe Rufin: „Katiba“ Erschreckend aktuell

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In der Wüste gärt es, und im Herzen Europas droht die Katastrophe. Das ist im Kern die Handlung von Jean-Christophe Rufins Thriller „Katiba“, einem erfreulich unprätentiösen Werk in der Tradition von Altmeistern wie Frederick Forsyth und Ken Follett.

Jean-Christophe Rufin kennt den Maghreb, er hat dort gelebt und gearbeitet. Foto: Flammarion
Jean-Christophe Rufin kennt den Maghreb, er hat dort gelebt und gearbeitet. Foto: Flammarion

Stuttgart - Der Chef eines Terrorcamps in der Sahara hat’s nicht einfach: Verpflegung, Waffen, Benzin – mitten im Nirgendwo kostet das alles eine Menge Geld. Wenn dann auch noch die geplante Entführung von vier italienischen Touristen zwecks Aufbesserung der Kassenlage fürchterlich schief geht und die Urlauber tot neben der Piste liegen, ist das dreifach fatal: Für die Touristen, für die Kasse und das Terrorcamp überhaupt. Denn die diversen Geheimdienste, die im heißen Wüstensand ihre ganz eigenen Ziele verfolgen, sind plötzlich alarmiert und schauen genauer als üblich hin.

Ausgehend von diesem Szenario hat der französische Autor Jean-Christophe Rufin mit „Katiba“, das ist übrigens der arabische Name für ein Terrorcamp, bereits vor fünf Jahren einen auch heute noch hoch aktuellen Thriller veröffentlicht, der jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Inzwischen kennt die Welt die Enthüllungen des früheren Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden, und jeder Leser weiß: So weit weg von der Realität ist das alles nicht, was Rufin auf gut 400 Seiten beschreibt.

Mehr oder minder erfolgreiche Kabalen der Geheimdienste

Im Zentrum von „Katiba“ steht die Französin Jasmin, so intelligent wie schön, allerdings ebenso undurchsichtig. Sie arbeitet im französischen Außenministerium, und bald schwant dem Leser, dass sie das nicht ohne Grund tut. Sie hat Verbindungen in den westlichen Maghreb. Was es mit diesen auf sich hat, ist Gegenstand von Ermittlungen. Es folgen die mehr oder minder erfolgreichen Kabalen diverser Geheimdienste, die häufiger als wünschenswert ein Interesse daran haben, dass die Lage so unerfreulich labil bleibt, wie sie ist, weil sie andernfalls ihrer Legitimation verlustig gingen. Erst ziemlich am Ende wird der große Plan erkennbar.

Rufin schildert die wendungsreiche Handlung spannend und schnörkellos, die Atmosphäre der in der flirrenden Hitze brütenden Wüstenkäffer fängt er ebenso stimmig ein wie jene in den Konferenzräumen der global agierenden Sicherheitsfirmen. Wer seine Freude hatte an den Thrillern von Altmeistern wie Frederick Forsyth oder Ken Follett, als dieser noch nicht ausufernde Historienschinken verfasst hat, ist mit „Katiba“ bestens bedient.

Jean-Christophe Rufin: „Katiba“. Thriller. Aus dem Französischen von Anne Braun. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2015. 416 Seiten, 10,99 Euro.

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