Krimikolumne

John le Carré:„Der Spion, der aus der Kälte kam“ Ein Agent verlottert genau nach Plan

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Die Geschichte, die John le Carré angeblich in nur fünf Tagen geschrieben hat, dreht sich um ein raffiniertes Täuschungsmanöver, mit dem ein ostdeutscher Meisterspion ausgeschaltet werden soll, der sämtliche Agentenringe des Secret Service in der „Ostzone“ ausradiert hat. Alec Leamas, der Chef des Dienstes in Berlin, wird daraufhin zu Control in die Zentrale zitiert. Alle im Circus wissen, dass dies nur eines bedeuten kann: das Ende seiner Karriere.

Tratsch als strategisches Mittel

Schon beginnt die Gerüchteküche in den Büros zu kochen. Leamas feuert sie an, indem er scheinbar als haltloser Säufer verlottert. Er strickt da schon vor Kollegen an seiner Legende, um später als Doppelagent glaubhaft zu erscheinen. Er wird gefeuert, steigt auf der sozialen Leiter ab, landet im Knast und wird schließlich von der Gegenseite kontaktiert, die den vermeintlich labilen Ex-Agenten umdrehen will. Alles ist mit wenigen Eingeweihten geplant und scheint wie am Schnürchen zu funktionieren. Dann aber wird Leamas plötzlich als Landesverräter gesucht und muss hinter den Eisernen Vorhang verschwinden.

Der Profi, der bisher souverän agierte, wird von Zweifeln gepackt: Steckt Control hinter dem Fahndungsaufruf? Was bezweckt er damit? Je näher er an seinen Gegner heranrückt, desto mehr stellt sich Leamas die Frage, inwiefern er noch das Heft in der Hand hält. In dem Geflecht von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Rolle des Verräters weiter glaubhaft zu spielen: die eines ausgebrannten Menschen, der er im Inneren tatsächlich ist, und der deshalb zu fürchten beginnt, allmählich in seiner Charade den Verstand zu verlieren.

Professionelles Lügen gefährdet den Verstand

Dieses professionelle Lügen und Täuschen, Taktieren und Einschätzen der anderen bezeichnet John le Carré als die Kälte, die dem Buch den Titel gab. Der Leser erlebt nahezu die gesamte Handlung aus Leamas’ Sicht und muss auf dessen Beurteilung der Situation vertrauen – die sich als fatal falsch entpuppt. Denn alle Professionalität schützt den Agenten nicht davor, in einem so raffiniert wie skrupellos eingefädelten Komplott benutzt zu werden.

Das halbe Jahrhundert seit seinem Erscheinen hat dem „Spion, der aus der Kälte kam“ nichts anhaben können. Die Geschichte ist zeitlos, sie dreht sich um menschliche Stärken, mehr aber noch um Schwächen. Es geht um Ehrgeiz, der im Mäntelchen der Ideologie daher kommt, um Karrieredenken und einen eklatanten Mangel an Werten.

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