Joshua Bell mit der Academy of St. Martin in Stuttgart Wie kommt Prokofjew zum feinen Klang?

Von Frank Armbruster 

Obwohl der erste Geiger Joshua Bell und die von ihm geleitete Academy of St. Martin-in-the-Fields beim Konzert im Beethovensaal sprichwörtlich auf der Stuhlkante musizieren, bleiben Wünsche offen.

Erster Geiger und Leiter der Academy of St. Martin: Joshua Bell Foto: Russ
Erster Geiger und Leiter der Academy of St. Martin: Joshua Bell Foto: Russ

Stuttgart - Am Londoner Trafalgar Square steht ­St.  Martin-in-the-Fields, eine freundlich-helle Kirche mit charakteristischem Turm über der säulengesäumten Vorhalle, die vor allem durch das nach ihm benannte Orchester berühmt wurde. Neville Marriner hatte es 1958 gegründet, und dass sich sein Ruf rasch in alle Welt verbreitete, hatte mit seiner für damalige Verhältnisse revolutionären Interpretation von Barockmusik zu tun: Auf modernen Instrumenten, aber mit schlankem Klang und differenzierter Artikulation setzte vor allem seine Spielkultur lange Zeit Maßstäbe.

An das Spiel ohne Dirigent ist das Orchester, das die Konzertmeisterin Iona Brown häufig vom ersten Pult geleitet hat, lange gewöhnt. Der Geiger Joshua Bell, der das Orchester seit 2011 leitet, hat bei vielen Konzerten bewiesen, dass dies auch bei klassisch-romantischer Musik funktionieren kann. Umso überraschender der zwiespältige Eindruck, den das Konzert der Academy in der Meisterkonzertreihe der SKS Russ nun hinterlassen hat.

Mangelware: Klangliche Finesse

Eigentlich kommt der feine Klang eines Kammerorchesters Prokofjews im Haydn-Stil komponierter „Symphonie classique“ entgegen. Wie immer gab Joshua Bell vom ersten Pult aus gelegentliche Impulse, die aber an diesem Abend nicht zu homogenem Spiel und schon gar nicht zu stringenten Interpretationen führten. Vom Gestus her musizierte das Orchester wie immer auf der sprichwörtlichen Stuhlkante, mit forschem Zugriff, artikulatorisch manchmal fast überpointiert. Doch unsaubere Einsätze und verschmierte Streicherfigurationen waren nicht zu überhören, auch nicht in Saint-Saëns’ drittem Violinkonzert, wo man sich zu Bells dominantem Solospiel einen orchestralen Gegenpart gewünscht hätte, der über bloßes Begleiten hinausgegangen wäre. Insgesamt fehlte es an diesem Abend sowohl an gestalterischer Struktur wie an klanglicher Finesse – auch Barbers berühmtes „Adagio“ und Bizets erste Sinfonie kamen reichlich anämisch daher. Das ist man von diesem Orchester eigentlich nicht gewohnt.