Jugendarbeit „Freizeit ist Medienzeit“

Von Jens Noll 

Mitgliedsvereine des Stadtjugendring Leinfelden-Echterdingen diskutieren mit Jugendforscher Erik Flügge über zeitgemäße Jugendarbeit.

Erik Flügge diskutiert mit den Teilnehmern  der SJR-Mitgliederversammlung. Foto: Jens Noll
Erik Flügge diskutiert mit den Teilnehmern der SJR-Mitgliederversammlung. Foto: Jens Noll

Echterdingen - Unter dem Titel „Noch Zeit für Vereine?“ hat der Stadtjugendring Leinfelden-Echterdingen (SJR) Jugendarbeit zwischen längerem Schulalltag und knapper Freizeit zum Schwerpunktthema seiner diesjährigen Mitgliederversammlung am Donnerstag in Echterdingen gemacht.

Als Fachmann hat der SJR den Jugendforscher Erik Flügge eingeladen, um gemeinsam mit den anwesenden Vertretern der SJR-Mitgliedsorganisationen zu erörtern, wie das Leben der Jugendlichen heute in die traditionsreiche Struktur der Vereine passt. Zunächst erläuterte Flügge, wie die Lebenswirklichkeiten von Jugendlichen gegenwärtig aussehen. Das Problem laut Flügge: Was Vereine heute tun, passe nicht mehr zu den Gegebenheiten der Jugendlichen. „Für Jugendliche heute heißt Aufwachsen: Du hast Chancen, du hast aber auch ganz viele Risiken zu scheitern“, sagte der 26-Jährige.

Es bestehe ein ständiger Druck, sich zu individualisieren. Früher haben andere die Lebensplanung übernommen, heute gerate der Jugendliche in die Situation, sich selbst sozialisieren zu müssen. Dabei gebe es laut Flügge eine Vielzahl an Möglichkeiten. „Alles ergibt Sinn, aber was richtig ist, sagt mir keiner“, beschrieb der Jugendforscher die Gedanken von Jugendlichen. Heute müssen Jugendliche nicht mehr unbedingt in einen Verein gehen, um Gleichgesinnte zu treffen. „Das nimmt mir das Internet ab“, sagte Flügge.

Ein möglicher blinder Fleck der Vereine

Fünf wichtige Aspekte jugendlichen Lebens stellte Flügge vor: Geselligkeit, Zeitmangel, Egotaktik, Medienwelten und Individualität. Unter Egotaktik versteht Flügge, dass Jugendliche sich überlegen, was ihnen ein Engagement in einem Verein oder einer Organisation bringt. Das kann beispielsweise ein Zertifikat sein, das sie später bei einer Bewerbung vorzeigen können. Die Dimension Medienwelten umfasst den Zugang zu Medien wie Musik, zum Internet und zu sozialen Netzwerken wie Facebook. „Freizeit ist Medienzeit“, erklärte Flügge.

Nach seinen Ausführungen bat er die Vereinsvertreter, auf Tafeln aufzuschreiben, inwiefern die Vereine Angebote in den jeweiligen Dimensionen haben. Am wenigsten stand am Ende unter der Überschrift „Medienwelten“. Die Diskussion zeigte, dass es bei dem Thema viele Vorbehalte und kritische Meinungen gibt. Flügge identifizierte die Medienwelten als möglichen blinden Fleck vieler Vereine und Verbände. Er erklärte, dass die virtuelle Welt für Jugendliche keine Parallelwelt sei. Tatsächlich dürfe man gegenüber Jugendlichen nicht von „virtueller“ oder „realer“ Welt sprechen, sonst baue man eine Barriere auf. „Fünf Prozent der Jugendlichen in Deutschland sind skeptisch gegenüber Facebook, 95 Prozent sind es nicht“, sagte der 26-Jährige.

Auf die Frage der Vertreterin eines Musikvereins, wie man eine Brücke zwischen Zeitmangel und Medienwelten schlagen könne, antwortete Flügge: „Wenn die Jugendlichen ein offenes W-Lan im Jugendraum wollen, dann stellen Sie sich darauf ein.“ Angeregt wurde, die Medien-Kompetenzen der Jugendlichen zu nutzen. „Kinder und Jugendliche sind Experten in diesen Fragen, denen muss man sich stellen“, sagte SJR-Geschäftsführer Frank Stüber.

Wie Edeltraut Reichle-Kanthak, erste Vorsitzende des SJR, abschließend sagte, möchte der Verein mit seinen Mitgliedsorganisationen gemeinsam Überlegungen anstellen, wie Medienwelten besser in die Jugendarbeit integriert werden können.




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