Junge Apothekerin im Rems-Murr-Kreis Von Aleppo nach Alfdorf

Von Claudia Leihenseder 

Während in Syrien Bomben fielen, paukte Nooran Abou Algoud bei Kerzenschein für ihr Studium. Mit Erfolg: Jetzt darf die 27-Jährige als Apothekerin in Deutschland arbeiten.

Nooran Abou Algoud kann jetzt ihrem Traumjob nachgehen. Foto: Gottfried Stoppel
Nooran Abou Algoud kann jetzt ihrem Traumjob nachgehen. Foto: Gottfried Stoppel

Alfdorf - Etwas schüchtern sitzt sie da, ein vorsichtiges Lächeln auf den Lippen. Dunkelbraune Locken umfließen ihr Gesicht. An ihrem Pulli hängt der Beweis für das, worauf sie jahrelang unter widrigsten Umständen hingekämpft hat: Ein kleines Namensschild zeichnet Nooran Abou Algoud als Mitarbeiterin der Schloß-Apotheke aus. Und nicht nur das: Seit Ende Dezember 2019 darf die Syrerin in der Alfdorfer Apotheke auch ohne Einschränkungen arbeiten, Kunden beraten und Medikamente abgeben. Die 27-Jährige ist richtig stolz auf ihre deutsche Approbation, auch wenn sie es zunächst nur vorsichtig und zaghaft zeigt.

Zaghaft, das konnte sie in Syrien nicht sein. Wenn Abou Algoud von den Dingen erzählt, die sie in den vergangenen Jahren erlebt hat, wird klar: Sie ist eine zielstrebige junge Frau, die sich viel vorgenommen und viel erreicht hat. Schon ihr inzwischen verstorbener Vater wollte unbedingt, dass seine Kinder studieren. Abou Algoud fing 2011 in Aleppo mit ihrem Pharmaziestudium an. Zur gleichen Zeit fielen die ersten Bomben in Syrien.

„Oft kamen freitags die Raketen“, erinnert sich die Frau aus Aleppo

Ein Jahr später erreichte der Krieg auch Aleppo. Als der Strom für Monate ausfiel, setzte Abou Algoud sich abends bei Kerzenschein mit ihren Büchern hin und lernte, zum Beispiel Biochemie und Zusammensetzungen von Medikamenten. Auch fließendes Wasser blieb irgendwann weg. So machte sich die junge Frau mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Wasser auf dem Herd warm, um sich zu waschen.

Regelmäßig ging Abou Algoud zum Studieren zur Uni, traf ihre Freunde, wie jeder Student anderswo auch. Nur, dass im Straßenbild Aleppos der Anblick von Waffen normal war. Bei Bombenalarm versteckte sich die Familie im Keller. „Oft kamen freitags die Raketen“, erzählt die junge Frau. Sie wussten nie, ob es sie trifft – und wann. „Wir haben gelernt, mit den Schwierigkeiten umzugehen“, sagt sie. Trotzdem: Ihre Augen füllen sich immer wieder mit Tränen, wenn sie daran denkt. Sie wussten: „Sterben kann man immer.“

Schlepper bringen die Familie nach Griechenland

Doch sie hat überlebt, hat das Studium durchgezogen. Trotz der Bombenangriffe, trotz der Todesangst. 2015 hielt sie endlich ihre syrische Approbation in den Händen. Ihr erstes großes Ziel. Nun konnte die Flucht beginnen: Gemeinsam mit Mutter und Bruder stieg sie in einen Bus, besuchte ihre Schwester, die inzwischen in der Türkei wohnte. „Wir wollten eine bessere Zukunft finden“, erzählt sie. Ohne Angst. In Frieden. Und mit einer Arbeit in ihrem erlernten Beruf. Ihr Ziel war entweder Deutschland oder die Niederlande. „Die meisten meiner Bekannten sind hier gelandet.“

Schlepper brachten die Familie in einem überfüllten Schlauchboot in Richtung Griechenland. „Es sollte nur eine Viertelstunde dauern“, erzählt die junge Frau bewegt. Doch es wurde mehr als eine Stunde auf dem dunklen Meer. Die Küstenwache fand sie schließlich und brachte sie an Land, auf eine griechische Insel. Von dort ging es nach Athen, dann mit Bus, Zug und zu Fuß weiter. Sie kamen durch Mazedonien, Serbien, Slowenien. Landeten irgendwann in Wien – und schließlich in der Flüchtlingsunterkunft auf dem Haghof, der zu Alfdorf gehört.

Die Syrerin macht zunächst ein Praktikum – jetzt hat sie die Approbation

Abou Algoud traf auf ein Land, das so ganz anders ist als ihre Heimat. „Ich wusste nicht einmal, dass es Linienbusse gibt, wie sie hier fahren“, sagt sie leise und lächelt. Doch sie lernte schnell und machte sich nützlich, half dem Arbeitskreis Asyl, begleitete mit den Ehrenamtlichen andere Flüchtlinge zu Arztbesuchen oder Behördengängen und übersetzte Arabisch ins Englische. Einmal führte solch ein Gang in die Schloß-Apotheke nach Alfdorf. Dort ergriff Abou Algoud die Chance und fragte nach einem Praktikum.

Das war 2016. Abou Algoud machte erst einen Schnuppertag, dann ein Vier-Wochen-Praktikum. „Anfangs lief alles noch auf Englisch“, erinnert sich die Apothekerin Pia Wiedmann. Die Syrerin machte Sprachkurse, half nachmittags in der Apotheke aus und büffelte abends die deutsche Sprache. Erfolgreich machte sie die Fachsprachprüfung, die sie für ihre Approbation als Apothekerin in Deutschland brauchte.

Der Betrieb in Alfdorf profitiert von der neuen Mitarbeiterin

Auch die Kenntnisprüfung in pharmazeutischem Recht und Praxis legte die 27-Jährige im November 2019 ab. Kurz vor Weihnachten trudelte schließlich ihr Zertifikat ein. Jetzt darf Nooran Abou Algoud als Apothekerin in Deutschland arbeiten. Sie strahlt angesichts des Erfolgs, auf den sie Jahre hingearbeitet hat.

Auch ihre Chefin Pia Wiedmann freut sich: Zum einen hat sie einem Flüchtling eine Chance gegeben, die ergriffen wurde. Zum anderen hat sie eine gute Apothekerin gewonnen. Denn solche sind rar. „Es gibt zu wenige Apotheker in Deutschland. Und Alfdorf ist nicht gerade der Nabel der Welt“, sagt Wiedmann. Doch genau hier hat Nooran Abou Algoud ihr hoch gestecktes Ziel erreicht.