Kaeser soll Siemens-Chef werden Der Meister der Zahlen

Von Thomas Magenheim 

Mit Joe Kaeser übernimmt ein echtes Siemens-Eigengewächs das Ruder. Er ist als amtierender Finanzvorstand nicht nur ein Meister der Zahlen, sondern auch einer des Worts. Er hält sich schon länger für den wahren Chef.

Kaesers  Markenzeichen bis vor kurzem war ein markanter Schnauzbart. Foto: dpa
Kaesers Markenzeichen bis vor kurzem war ein markanter Schnauzbart. Foto: dpa

München - Wenn nicht noch in letzter Minute ein Wunder geschieht, wird Josef Käser kommenden Mittwoch zum neuen Siemens-Chef gekürt. So heißt der 56-jährige Niederbayer zumindest laut Geburtsurkunde. Seit seiner Rückkehr aus den USA 1999, wo er zuvor vier Jahre lang für die Münchner tätig war, nennt sich der Siemens-Boss in spe allerdings nur noch wie in der E-Mail-Adresse: Joe Kaeser. „Es hat ihm gefallen“, sagt ein Wegbegleiter. Außerdem klingt es weltläufig, was dem Selbstverständnis des am 23. Juni 1957 im Bayerischen Wald geborenen Arnbruckers entspricht.

Wer seine öffentlichen Auftritte an der Seite des scheidenden Siemens-Chefs Peter Löscher zuletzt genauer verfolgt hat, dem wurde klar, dass sich der eloquente Finanzchef schon länger für den eigentlichen Siemens-Boss hält. Kaeser ist als amtierender Finanzvorstand nicht nur ein Meister der Zahlen, sondern auch einer des Worts. Er steht sichtbar gern im Rampenlicht.

Der Siemens-Chef in spe ist wahrlich nicht selbstlos

Als Löscher vor Kurzem über sein Verhältnis zu Kaeser befragt wurde, antwortete er, es passe kein Blatt dazwischen. Man gehöre zusammen wie Licht und Schatten, ergänzte die andere Hälfte des Duos auf seine typische Art und ließ den Vergleich wirken. Seine Lichtgestalt auf der einen Seite, Schattenmann Löscher auf der anderen.

Wenn man dessen kommenden Rauswurf analysiert, hat sein mutmaßlicher Nachfolger fraglos einen großen Anteil daran. Wohlmeinend könnte man sagen, Kaeser hat zum Wohle von Siemens gehandelt. Der Pannenserie unter Löscher musste ein Ende gesetzt werden. Andererseits ist der Siemens-Chef in spe wahrlich nicht selbstlos, sondern betont ehrgeizig und ein Machtmensch. Als Klingelton auf seinem Handy hat er den Rolling-Stones-Song „I can’t get no Satisfaction“ gespeichert. Keine Befriedigung finden zu können ist für einen Topmanager wohl eher ein positives Moment.

Für Siemens ist Kaeser fraglos genau das, was das Unternehmen derzeit braucht. Der Konzern lechzt nach einer Führung, die die Genstruktur des Hauses verinnerlicht hat. Mit Löscher hat das Haus auch nach sechs Jahren unter dessen Führung ungebrochen gefremdelt. Er musste den Augiasstall des 2006 aufgedeckten Korruptionsskandals ausmisten, alte Seilschaften zerschlagen, ganze Führungsebenen abschaffen. Das war bitter nötig. Zum allseits geachteten Siemensianer gemacht hat ihn diese Radikalkur nicht.

Kaeser hat sich hinter Löschers nun als verfehlt geltende Ziele gestellt, das nimmt ihm niemand übel

Kaeser dagegen ist ein echtes Siemens-Eigengewächs und seit 1980 zeit seines Berufslebens im Haus. Bevor er das Finanzressort übernahm, war er Strategiechef und davor Bereichsvorstand im inzwischen verkauften Bereich Informationstechnologie, der auch das Zentrum des Korruptionsskandals war. Auf Kaeser abgefärbt hat dieser nicht. Er kennt die Verästelungen des komplexen Gemischtwarenladens, glänzt mit Detailwissen, weiß wie Siemens tickt. Kaeser hat die Belegschaft auf seiner Seite und kann – anders als Löscher – auch emotional führen.

Zugleich ist der Niederbayer, dessen Markenzeichen bis vor Kurzem ein markanter Schnauzbart war, seit 2006 als Finanzchef das Aushängeschild des Konzerns an den Finanzmärkten und dort sehr geschätzt. An beiden Fronten, bei der Belegschaft und bei Börsianern, hat er als neuer Siemens-Chef gute Startchancen. Nicht besonders übel genommen wird ihm offensichtlich, dass er sich öffentlich ebenfalls hinter Löschers nun als verfehlt geltende Ziele gestellt hatte. Kaeser war der anspruchsvolle Spagat gelungen, persönlich loyal und in der Sache distanziert zu wirken. Die verbliebenen Freunde Löschers und dieser selbst, mögen das als intrigant sehen, viele andere als diplomatische Meisterleistung.