Eine Ausstellung in der Stiftskirche mit Arbeiten von 27 Künstlern aus der Ukraine erlaubt einen neuen Blick auf eine alte Kunst.

Der Krieg ist nicht erst mit der Großoffensive der Russen am 24. Februar in die Ukraine gekommen, er hat schon 2014 mit der russischen Besetzung des Donbass begonnen. Seither kämpft Oleksandr Klymenko als Freiwilliger in der Armee. Der Künstler aus Kiew ist einer von 27 ukrainischen Ikonenmalerinnen und -malern, die ihre Arbeiten jetzt anlässlich des Deutschen Katholikentages im Chorraum der Stiftskirche ausstellen. Man muss genau hinschauen, um zu erkennen, was ihm als Untergrund für seine elf Darstellungen von Christus und die ihn anbetenden Apostel und Engel diente: Es sind Deckel von Munitionskisten, noch mit den Scharnieren. „Er wollte ihnen einen neuen Sinn geben“, sagt Kuratorin Mariya Tsymbalista und macht darauf aufmerksam, dass die Figuren aus der zerstörten Stadtlandschaft von Mariupol erwachsen. Als Verkörperung der alles überwindenden Stärke des Glaubens?

Der Krieg ist allgegenwärtig in dieser Ausstellung

Der Krieg ist allgegenwärtig in dieser Ausstellung, einem Projekt der Galerie Iconart in Lwiw, das einen völlig neuen Blick auf die mehr als tausendjährige Ikonenmalerei erlaubt. Denn Lwiw, seit jeher multikulturell mit den Einflüssen verschiedenster Ethnien, sei ein Zentrum der Neuentwicklung dieser Kunstgattung, verrät Mariya Tsymbalista. An der Kunstakademie existiere dafür ein eigener Studiengang. Kenntnisse in Theologie und Liturgie gehören auch hier dazu. Außerdem trägt das Projekt der Galerie mit vorwiegend heimischen Künstlern den Titel „Emotionen“. Emotional war jedoch die klassische Ikonenmalerei der orthodoxen Kirche nie, in der Darstellung von Christus, der Gottesmutter, der Evangelisten und Engel werden keine Gefühle, weder Schmerz noch Freude, ausgedrückt, sie sind statisch und blicken streng und frontal auf die Betenden. „Sie sind als Hilfe beim Gebet dazu berufen, uns in die metaphysische Welt zu führen und als Muster der Geistigkeit zu dienen“, heißt es in dem Begleittext. Doch seit dem Beginn des Angriffs auf die Ukraine seien die Emotionen geschärft: „Unsere Menschlichkeit ist zerbrechlich geworden, daher sehen wir in jeder Ikone auch die Stütze gegen unsere Zerbrechlichkeit.“

Ikonen im Zeichen von Emotionen

Ulyana Tomkevych ist aus Lwiw mit nach Stuttgart gekommen. Das Motiv der 41-Jährigen ist Jesus, der im Garten von Gethsemane den Vater bittet, den Kelch des Todes von ihm zu nehmen. Doch Kelch und Dornenkranz schweben über ihm. Wie der Kelch des Krieges. Von Oleksandr Bryndikov stammt ein Holzschnitt, auf dem der Heilige Georg und der Erzengel Michael die Muttergottes des polnischen Tschentschochau flankieren. „Jetzt“, erzählt Mariya nebenbei, „ist er Soldat. Er lebt noch, Gottseidank.“ Oleana Smaga, Restauratorin im Ikonenmuseum von Lwiw mit 4000 Exponaten aus sechs Jahrhunderten, hat auf die Rückseite ihres Holzschnittes vom Leichnam Christ inmitten einer Bombenlandschaft geschrieben: Weine nicht über mich. Von Danylo Movchan ist das letzte Bild in der Aussstellung, weil er seit der Invasion nicht mehr malen mag. Und mit ihrem letzten Bild, einer Hinterglasmalerei der Verkündigung Mariens, ist auch Oksana Vynnychok vertreten; „Sie starb gestern an Krebs“, gibt Mariya Tsymbalista preis. Den Kummer des Ehemannes Andriy Vynnychok drückt sein Bild einer Grablegung Jesu in trostlosem Grau aus.

„Wir suchen in diesen Arbeiten unter dem Motto Emotionen die Erlösung, den Frieden, die Erfüllung unserer Hoffnungen und Liebe“ heißt es in dem Text. Die Sprache der Ikonen ist unmissverständlich.

Die Ausstellung ist bis Sonntag im Chorraum der Stiftskirche zu sehen.

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