Keith Jarretts „Budapest Concert“ Noch einmal spielen, was wichtig ist

Keith Jarrett im Jahr 2014 bei einer Rede im New Yorker Lincoln Center. Bei seinen Konzerten erlaubt er keine Fotos. Foto: imago/AFLO/Takehiko Tokiwa
Keith Jarrett im Jahr 2014 bei einer Rede im New Yorker Lincoln Center. Bei seinen Konzerten erlaubt er keine Fotos. Foto: imago/AFLO/Takehiko Tokiwa

Der große Klavierimprovisator Keith Jarrett leidet an den Folgen zweier Schlaganfälle, der 75-Jährige wird wohl nie wieder auftreten. Das nun veröffentlichte „Budapest Concert“ aus dem Jahr 2016 fasst sein musikalisches Vermächtnis zu Lebzeiten zusammen.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Man darf in Konzerte gehen, um sich von feschen Melodien den Alltag aus dem Kopf pusten zu lassen. Das ist weder albern noch schändlich, sondern vermutlich gesund. Auch der Jazz hat viele Musiker, die im Nu den Trübsinn vertreiben. Keith Jarrett gehört nicht dazu. Seine Soloklavierkonzerte sind Selbsterforschungsreisen voller Risiken und Dunkelstrecken, manchmal geradezu Vivisektionen der Künstlerseele in Echtzeit durch den Künstler selbst.

Wer ein Jarrett-Konzert besucht, geht nicht aus, er setzt sich aus. Jarrett verlangt das auch. Er maßregelt das Publikum für Huster oder Knipserei, hat darum auch schon Konzerte abgebrochen. Meldungen dazu lesen sich gern, als übertreibe er die Rolle des schrullig-tyrannischen Genies. Hört man aber eines seiner späten Konzerte, die alle vergrübelter, vertrackter und auslaugender sind als das berühmte „Köln Concert“ von 1975, versteht man, warum Jarrett nicht einfach Ruhe braucht, sondern die Gewissheit, dass man ihn nicht aus amüsierter Distanz beobachtet, sondern auf Gedeih und Verderb an seiner Seite geht.

Kartograf der Melancholie

Seit Ende Oktober weiß man nun, dass es keine neuen Konzerte und Aufnahmen mehr geben wird. Der Musiker hat öffentlich gemacht, dass er im Jahr 2018 zwei Schlaganfälle erlitten hat, deren Folgen wohl nicht mehr wegtherapierbar sind. Jarrett kann nicht mehr Klavier spielen.

Gerade aber ist das 2016 mitgeschnittene „Budapest Concert“ erschienen. Was da in zwölf Stücken und zwei Zugaben, in 87 Minuten Musik, passiert, fasst den reifen Jarrett zusammen. Was er zunächst improvisiert, verzichtet auf Swing als Grundelement des Jazz, auf knappe Liedformen sowieso. Eingegrenzt von Béla Bartóks klassischer Moderne, Cecil Taylors Free-Jazz-Clustern und der harmonischen Zartheit von Bill Evans, liegt das unbekannte Land, das Jarrett als Kartograf einer seltsamen Melancholie voller Brüche, aber ohne Selbstironie Zug um Zug freilegt.

Schöpfung nahe am Kollaps

Je näher er sich nach und nach an die Jazztradition heran spielt, desto unbesorgter und zufriedener wirkt er. Die Zugaben sind Standards , das letzte Improvisationsstück davor ist ein übermütiger Blues. Was man da erlebt, ist Freispielen im Wortsinn, Errettung durch Musik, der Versuch, Kopf und Bauch für einen Abend in Einklang zu bringen. Jarrett, der lange am Erschöpfungssyndrom litt, lässt spüren, dass Schöpfung und Kollaps für ihn eine Haaresbreite auseinander liegen. Und es geht einem erst so richtig auf, dass Jarrett schon sehr lange genau so gespielt hat, als sei der jeweilige Livemitschnitt der Letzte, als müsse er noch einmal alles ausdrücken, was ihm wichtig ist.

Keith Jarrett: Budapest Concert. ECM.




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