Kernen verliert HNO-Praxis Der klammheimliche Umzug eines Arztsitzes

Von Harald Beck 

Kernen ist seine HNO-Praxis überraschend los: Die Nachfolger von Irene Takáts konzentrieren sich jetzt auf Weinstadt. Das verärgert nicht nur Patienten, sondern auch die Gemeinde.

Die Praxisräume in der Pfarrstraße 3 sind leer. Ein verbliebenes Schild an der Fassade stammt von der früheren Ärztin Foto: /Beck
Die Praxisräume in der Pfarrstraße 3 sind leer. Ein verbliebenes Schild an der Fassade stammt von der früheren Ärztin Foto: /Beck

Kernen - In den Coronazeiten sei die erst im Januar von zwei jungen Hals-, Nasen-, Ohrenärzten übernommene HNO-Praxis in der Rommelshausener Pfarrstraße „auf unbestimmte Zeit geschlossen“. So hat es zunächst Anfang April auf einem Schild am dortigen Praxiseingang und auf der Internetseite der neuen „überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaft HNO Weinstadt Kernen“ geheißen. In Rommelshausen hatte sich im vergangenen Jahr die Ärztin Irene Takats nach 22 Jahren in den Ruhestand verabschiedet und war nach eigenem Bekunden froh, dass schnell ein Nachfolger für die Praxis gefunden worden war.

Gemeinschaftspraxis konzentriert sich auf Weinstädter Standort

Man beschränke sich vorläufig auf den Weinstädter Standort der Doppelpraxis, war wiederum im April auch im Endersbacher Teildomizil von Christos Ghozis und Delf-Hagen Taxis in der dortigen Strümpfelbacher Straße zu vernehmen. Dort hatte nach einigen Jahrzehnten der Arzt Thomas Kommerell das dortige HNO-Feld für jüngere Nachfolger geräumt.

„Aufgrund der Pandemie behandeln wir ab dem 06. 04. 2020 all unsere Patienten an unserem Standort in Weinstadt. Die Praxis in Kernen bleibt auf unbestimmte Zeit geschlossen“, heißt es zwar nach wie vor auf der Internetseite der HNO-Gemeinschaftspraxis. Aber seit Mitte August ist klar, dass der Standort in Rommelshausen komplett aufgegeben wird – und damit auch der zugehörige kassenärztliche Sitz des HNO-Facharztes mit gen Weinstadt abwandert. Weitere Erklärungen, so haben die Ärzte bereits auf verschiedene Anfragen antworten lassen, wollten sie nicht geben. Sie sähen keine Veranlassung, Entscheidungen zu kommentieren. Denn wichtiger sei die Erfüllung ihrer beruflichen Aufgaben.

Gemeine: Wurden extrem spät informiert

Für Kernen sei die Entwicklung natürlich sehr enttäuschend, sagt der Bürgermeister Benedikt Paulowitsch zum wohl unumkehrbaren Verlust des Facharztsitzes. Schließlich habe sich die Gemeinde zusammen mit der Vorgängerin Takats sehr um eine Nachfolge für die HNO-Praxis in Rommelshausen bemüht. „Wir sind erst zu einem extrem späten Zeitpunkt informiert worden“, bemängelt er die plötzliche Information von Mitte August über das endgültige Aus für den HNO-Standort in Rommelshausen. „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Auch auf Angebote für mögliche Unterstützungen durch die Kommune am seitherigen Standort hätten die Ärzte in Weinstadt überhaupt nicht reagiert. Betroffen vom Verlust der Praxis seien vor allem ältere Menschen und alle, die nicht mobil seien, sagt der Bürgermeister. Für alle, die kein Auto haben, sei die Endersbacher Praxis angesichts der gen Waiblingen und nicht auf Weinstadt ausgerichteten öffentlichen Verkehrsverbindungen schwer erreichbar. Andererseits habe er durchaus Verständnis für die neu ausgerichteten Orientierungen junger Ärzte, die mehr auf Gemeinschaftspraxen und die damit verbundene Flexibilität auch fürs eigene Familienleben setzten. Da werde auch Kernen, so sich die Gelegenheit ergebe, bei künftigen Bauprojekten versuchen, entsprechende Räumlichkeiten für größere Gemeinschaftspraxen zu schaffen.

Fachärzte seien nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sagt eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KVBW) zum Fall Kernen/Weinstadt. Dies gelte für die Verlegung eines Kassensitzes zumindest dann, wenn die Versorgung der Patienten im betreffenden Gebiet weiter gewährleistet und die neuen Wege für die Betroffenen zumutbar seien. Nach Auffassung des Zulassungsausschusses der KVBW ist dies hier offenbar der Fall.

Im Übrigen sei der Rems-Murr-Kreis nach den Maßstäben der geltenden und in verbindlichen Vorgaben gefassten Bedarfsplanung insgesamt überversorgt, so die Sprecherin. Angesichts eines Schlüssels von 26 000 Bürgern je HNO-Facharztsitz seien für den Kreis 15,5 Ärzte vorgesehen. Tatsächlich gebe es kreisweit aktuell 18,5 HNO-Sitze. Auch für eine eventuelle zusätzliche Neuansiedlung eines HNO-Arztes gelte der Kreis deshalb derzeit als gesperrt.




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