Kindesmissbrauch in Indien Der lange Marsch des Friedensnobelpreisträgers

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Bharat Yatra ist einer der größten traditionellen Märsche Indiens. Auch wenn mit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs in dem Land, sexuelle Aktivität mit Minderjährigen in Kinderehen zu bestrafen, ein wichtiger Schritt getan sei, fordert der Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi nicht weniger als einen Kulturwandel.

2014 bekam Kailash Satyarthi gemeinsam mit Malala Yousafzani den Friedensnobelpreis. Foto: dpa
2014 bekam Kailash Satyarthi gemeinsam mit Malala Yousafzani den Friedensnobelpreis. Foto: dpa

Delhi - Selten sind die Zustände in einem Land besser als seine Gesetze. Das gilt auch für Indien. Dort hat der Oberste Gerichtshof jetzt entschieden, dass sexuelle Aktivitäten mit Minderjährigen auch in Ehen strafbar sind. Nun ist es so, dass es in Indien Millionen von solchen Kinderehen gibt. „Das ist leider immer noch traurige Tradition in unserem Land“, sagte Kailash Satyarthi, dem 2014 gemeinsam mit der damals 17-jährigen Malala Yousafzani der Friedensnobelpreis für ihr Engagement für Kinderrechte verliehen wurde, im Telefongespräch.

Seit einem Monat ist er auf dem Marsch Bharat Yatra unterwegs, einem der größten Traditionsmärsche in Indien, bei dem insgesamt mehr als eine Million Menschen in sieben Etappen mitlaufen. Darunter auch viele Kinder, um den ausgebeuteten unter ihnen eine Stimme zu geben. Auf sieben Routen, quer durchs ganze Land, im Zickzackkurs, insgesamt 11 000 Kilometer. Am Montag endet der Marsch vor dem Präsidentenpalast in Delhi.

Der moralische Verfall wächst schnell

Dort will Kailash Satyarthi seinen Forderungen Nachdruck verleihen, Kinderarbeit und sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen konsequent zu bekämpfen. Die Kinderarbeit sei bereits stark rückläufig. „Aber damit Kinder in Indien nicht mehr in Angst vor sexuellem Missbrauch leben müssen, brauchen wir eine kulturelle Revolution.“ Zu stark seien sozial-psychologische Traditionen in der Gesellschaft verwurzelt. Zu schnell wachse der moralische Verfall, den Satyarthi „Epidemie“ nennt.

Denn die Mädchen, die vergewaltigt werden, würden immer jünger. „Es ist erschreckend. Kriminelle begehen immer mehr Gruppenvergewaltigungen“, sagte Satyarthi. Für die unschöne Entwicklung macht er neben den traditionell bedingten Problemen fehlende sexuelle Aufklärung gepaart mit der auch in Indien frei verfügbaren Pornografie im Internet verantwortlich. „Über Sex spricht man in Indien nicht, auch nicht über Missbrauch“, sagte Satyarthi. Durch dieses Unwissen fehle vielen jungen Männern die Fähigkeit, gesehene pornografische Inhalte einzuordnen. Und diese verbreiteten sich rasend schnell, da Informationstechnologien wie Smartphones heute für die meisten Männer in Indien erschwinglich seien.

„Es ist eine Warnung an alle älteren Männer“, sagt der Friedensnobelpreisträger

Das neue Gesetz, das Sex in den in Indien ohnehin schon illegalen Kinderehen verbietet, sei also nur ein erster Schritt. „Es ist eine Warnung an ältere Männer, sich an minderjährigen Frauen zu vergreifen“, sagte Sa­t­y­arthi. Als minderjährig gelten in Indien alle Frauen unter 18 Jahren. „Außerdem wird es Eltern jetzt schwerer gemacht, ihre Töchter zwangszuverheiraten“, fügte der Friedensnobelpreisträger hinzu.

Darum präsentiert sich der Marsch auch unter dem Motto „Frei und furchtlos“. Die Wucht, die er entfaltet, noch bevor er in der Zeremonie vor dem Präsidentenpalast am Montag gipfelt, sieht Kailash Satyarthi vor allem im Dialog zwischen den Religionen, die er schafft: „Es war das erste Mal in Indien, dass alle religiösen Führer, die der Hindus, der Muslime und der Christen, an einem Strang gezogen haben.“ Und auch die politischen Führer von konkurrierenden Parteien seien durch den Marsch näher zusammengerückt. „Kinder sind der einzige Faktor auf der Welt, mit dem wir unsere Grenzen so überbrücken können“, sagte der Kinderrechtsaktivist.




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