„Kindskopf“-Kolumne Jugend trainiert für Utopia

Von Michael Setzer 

Auf dem Kinderspielplatz hat alles angefangen, hier ging’s weiter und jetzt geht’s schon wieder los. Unser Kolumnist Michael Setzer stellt sich seinen Dämonen am Sandkasten … und er raucht nicht.

Spuren im Sand: Schaufel, Rechen und Eimer – ohne geht’s nicht. Foto: Setzer
Spuren im Sand: Schaufel, Rechen und Eimer – ohne geht’s nicht. Foto: Setzer

Stuttgart - Als Jugendliche waren wir oft auf Kinderspielplätzen. Wenn die kindischen Kinder endlich weg waren, haben wir ironisch geschaukelt, lässig geguckt, Zigaretten geraucht und gehustet. Dann Kaugummi rein und wieder ab nach Hause. Völlig klar, dass wir morgen wieder hier sitzen würden, darauf warten, dass wir endlich erwachsen werden. Kein besserer Ort, als das auf einem Spielplatz zu tun.

Auf Spielplätzen wird das Leben simuliert. Vor den Zigaretten war’s damals die Großbaustelle mit Bagger, Schaufel und Eimerchen. Wir waren so sehr bei der Sache, wir hätten jeden Bahnhof in Rekordzeit vergraben. Wir haben Türme, Berge und Mauern errichtet und danach wieder eingerissen, wir haben mit Sand aufeinander geworfen, weil irgendwas nicht in Ordnung war.

Superhelden im Training

Später dann hingen wir wie Batman kopfüber vom Klettergerüst und waren uns nicht sicher, ob das die eigenen Eltern waren, die „Aufpassen!“ gebrüllt haben – oder doch die Eltern von Batgirl neben mir. Auf dem Spielplatz wird für das Leben und die spätere Festanstellung als Superheld trainiert. Und wir haben versucht, mit der Schaukel einen Überschlag hinzubekommen.

Mittlerweile sitzen wir wieder auf Kinderspielplätzen herum und simulieren noch immer irgendwas. „Eltern“ zum Beispiel. Niemand weiß, wie das so genau geht, deshalb muss es umso mehr mit Überzeugung und breiter Brust dargeboten werden. Bloß nicht zu früh „Vorsicht!“ rufen und bloß nicht zu spät. Immer schön lässig und abgeklärt bleiben und die Kinder einfach machen lassen. Ja, oder?

Batman hat nie rumgebrüllt

Ein Junge wirft mir eine Handvoll Sand ins Gesicht, ich bleibe cool und deute das als Zeichen meiner Reife. Früher hätte ich ihm eine reingehauen oder wahrscheinlich geheult. Ein anderes Kind kickt derweil voll Karacho einen Eimer durch den Sandkasten und brüllt unverständliches Zeug. „Amateur!“, will ich rufen und dass Batman nie rumgebrüllt hat.

Schnell gelernt habe ich: Die eigens von zu Hause angekarrten Spielutensilien sind hier nix wert. Die Eimer, Schaufeln, Bagger und Förmchen der anderen Kinder sind weit interessanter – was rein mathematisch den Glücksfall bedeuten könnte, dass jeder einfach mit dem Zeug der anderen Kinder spielen könnte. Leider haben Kinder keine Ahnung von Mathe. Kaum interessiert sich einer für ihren Eimer, gibt’s, äh, Debatte.

„Bäh!“

Als meinen Sohn die Lust verlässt, Zigarettenkippen aus dem Sand zu grubeln, sie mir hinzuhalten und dann „Bäh!“ zu sagen, nimmt er Kontakt zu drei älteren Mädchen auf. Sie ignorieren ihn. Während ihm das piepegal scheint, erinnere ich mich trotzdem an den Horror von damals: nicht mitspielen zu dürfen. Zu uncool, zu jung, zu irgendwas.

„Nemo“ gefunden!

Ein anderes Mädchen inspiziert den Eimer meines Sohnes. „Nemo“ ist drauf, also, der Fisch aus diesem Film. „Den Film habe ich gesehen!“, sagt das Mädchen. „Du auch?“. „Ja!“, sage ich und dass der Eimer nicht mir gehört, sondern meinem Sohn. „Hat er den Film auch gesehen?“, fragt sie.

Ich: „Nee!“.

Sie: „Aha! Warum hat er dann diesen Eimer? Also, ich habe den Film gesehen.“

Und ich merke, wie meine argumentative Luft dünner wird. Schnell eine rauchen. Orr, Mist geht nicht. Ich bin hier als Vater auf dem Spielplatz, nicht als Idiot.

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Michael Setzer ist vor fast zwei Jahren Vater geworden. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt. Er schreibt im Wechsel mit seiner Kollegin Lisa Welzhofer, die sich in ihrer Kolumne „Mensch, Mutter“ Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr macht.




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