Kinokritik: „Beuys“ Im Kopf des Provokateurs

Von Bernd Haasis 

Der Dokumentarfilmer Andres Veiel hat sich Joseph Beyus genähert, einem Künstler, der vielen nach dem Kinobesuch viel weniger rätselhaft erscheinen wird.

Machen Sie eine typische Geste: Joseph Beuys, wie er leibte und lebte Foto: Verleih
Machen Sie eine typische Geste: Joseph Beuys, wie er leibte und lebte Foto: Verleih

Stuttgart - Mit der Hand auf dem Herzen würden wohl nur einige Kunsthistoriker von sich behaupten, das Wirken und Werk von ­Joseph Beuys (1921–1986) wirklich zu verstehen. Das könnte sich nun zumindest im Ansatz ändern, denn dem Dokumentarfilmer Andres Veiel ist ein ­kleines Wunder gelungen: In seinem jüngsten Werk durchdringt er die Bild- und Gedankenwelt des Künstlers in erstaunlicher Tiefenschärfe. Aus einer irrsinnigen Menge an Material – rund 20 000 Fotos, 400 Stunden bewegte Bilder und 300 Stunden Audiomaterial – hat Veiel ein dichtes Porträt destilliert, in dem Haltungen eine zentrale Rolle spielen.

Um den Systemkritiker Beuys geht es da vor allem, der Ende der 70er Jahre die Grünen mitbegründet und schon damals die Finanzkrise von 2008 vorhergesehen hat – was zu dieser Zeit freilich niemand verstand. Heute nun verschafft Veiel über den Zugang zum Kopf des Künstlers einen Zugang zu dessen Kunst. Er löst den brillanten Denker und Redner Beuys von seinen narzisstischen Paradiesvogeleien, blickt hinter die Provokationen und die Knalleffekte, hinter die Kostümierung mit Hut, Anglerweste und Pelzmantel.

Beuys wurde an der Düsseldorfer Kunstakademie hinausgeworfen

Klug gewählt sind die kurzen Ausschnitte aus Performances vor Massen von Zuschauern, die Momente, in denen Beuys ganz in seiner Kunst versinkt; gut zusammengefasst ist sein Protest gegen den Numerus clausus, der ihm 1972 den Rauswurf an der Düsseldorfer Kunstakademie einbrachte, weil er alle abgelehnten Bewerber in seine Klasse aufnahm; fast anrührend wirkt sein Pflanzprojekt „7000 Eichen“, das er bei der Documenta 1982 in Kassel begann.

Veiel zeigt, dass der zunächst unermüdliche Selbstdarsteller Beuys ein echtes Anliegen hatte, in dem sich auf spezielle Art das Wesen und Denken der Bonner Republik spiegelt. Der Film begleitet ihn bis in die sichtliche Ermattung Anfang der 80er Jahre. Wer diesen Film gesehen hat, wird Beuys’ Werke mit anderen Augen anschauen.

Der Film ist ohne Altersbeschränkung freigegeben und startet an diesem ­Donnerstag im Kino Delphi.



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