Kinokritik: Booksmart Zwei Mädchen wollen in einer Nacht alles nachholen

Von Bernd Haasis 

„Booksmart“ ist eine freche, sehr zeitgemäße und sehr amerikanische Coming-of-Age-Komödie über zwei Streberinnen. Die wollen einen Tag vor ihrem Highschool-Abschluss das versäumte Leben nachholen.

Zwei Mädchen  geben Vollgas: Beanie Feldstein (links) und Kaitlyn Dever in „Booksmart“ Foto: /Annapurna Pictures/Verleih 12 Bilder
Zwei Mädchen geben Vollgas: Beanie Feldstein (links) und Kaitlyn Dever in „Booksmart“ Foto: /Annapurna Pictures/Verleih

Stuttgart - Wem präsent ist, was es bedeutet, jung zu sein und wie sich das anfühlt, der wird sich in diesem Film wiederfinden. Die Schauspielerin Olivia Wilde (35, „Cowboys & Aliens“, „Her“) versammelt in ihrem Regiedebüt ein Ensemble herrlich schräger Charaktere mit den unterschiedlichsten Eigenschaften. Sie liebt ihre Figuren: Auch die verschrobensten Heranwachsenden erscheinen bei ihr als Paradiesvögel, die alle auf ihre Art liebenswert sind.

Amy (Kaitlyn Dever) und Molly (Beanie Feldstein) sind „book smart“, was auf Deutsch ungefähr bedeutet: Sie wissen in der Theorie fast alles aus Büchern, haben aber vom prallen Leben keine Ahnung. Man könnte sie auch als Streberinnen bezeichnen, aber der Begriff ist hier zu negativ konnotiert.

Molly erscheint zunächst als hyperaktive Nervensäge, Amy als verhuschtes Wesen. Doch die beiden wachsen einem schnell ans Herz. Sie haben die ganze Highschool-Zeit hindurch brav gebüffelt, um an eine Elite-Universität zu kommen und alles gemieden, was dem im Weg steht – auch vieles, was Spaß macht –, um am letzten Schultag festzustellen: All die Faulenzer, Kindsköpfe, Tagträumer, Durchgedrehten und Partymacher haben auch Studienplätze in Harvard und Yale. Nun beschließen Molly und Amy, alles Versäumte nachzuholen in der letzten Nacht vor der Vergabe der Abschlusszeugnisse – und erleben auf der Suche nach der coolsten Party ein irrwitziges Abenteuer.

Die Perspektive ist sehr weiblich

Vor zehn Jahren schon gehörte das erste Drehbuch zu „Booksmart“ von Emily Halpern und Sarah Haskins in Hollywood zu den populärsten noch unverfilmten Skripts. 2014 überarbeitete die Regisseurin und Autorin Susanna Fogel den Entwurf, doch erst Katie Silberman, die den Film nun mitproduziert hat, gelang beim Schreiben der entscheidende Durchbruch.

Das Ergebnis ist eine herrlich kluge, wahnsinnig komische Geschichte, die nur so strotzt vor Dreidimensionalität. Olivia Wilde hat sie, Nomen est Omen – tatsächlich wild inszeniert. Die Perspektive ist natürlich sehr weiblich. Die Mädchen besprechen alle möglichen sehr intimen Dinge, die Jungs wirken alle ein wenig überselbstbewusst, unreif oder neandertalerhaft, doch der Blick bleibt bei allem Spott empathisch – sie sind halt Jungs und können nicht anders. Männer lernen hier viel über weibliche Wahrnehmung. Die Frauen – sie können halt auch nicht anders – bekommen aber ebenso ihr Fett weg, etwa die attraktive Lehrerin Mrs. Fine (Jessica Williams), die unter einem Petra-Pan-Syndrom leidet und mit den Schülern feiert.

Viele schräge Charaktere

Auch zu sehen gibt es einiges in „Booksmart“, der nächtliche Trip durch diverse Kulissen führt unter anderem auf eine irrwitzige Kostümparty und eine glitzernde Luxusyacht.

Das gesamte schillernde Figurentableau, das man zuvor im Schulalltag kennengelernt hat, darf sich hier nun richtig spreizen: Die durchgeknallte Gigi, die aus ihrem Leben eine einzige Kunstperformance macht, der stinkreiche Jared, der ständig etwas beweisen will und dabei zum Fremdschämen danebengreift, die zynische Hope, deren Unleidigkeit tiefere Ursachen hat, der populäre Kindskopf Nick, den alle lieben, der aber nie unter die eigene Oberfläche vordringt, die hübsche Triple A, die wegen vermeintlicher sexueller Eskapaden unter den Mädchen einen schlechten Ruf hat, der schwule George, der sich gerne als besonders kultiviert hervortut mit seinem pfauenhaften Gespielen, die androgyne, lebenslustige Skaterin Ryan, der kuschlige, ein wenig tumb wirkende Computer-Nerd Theo.

In den Heranwachsenden spiegelt sich die Gesellschaft

Die Erwachsenen erscheinen daneben als prototypische Karikaturen. Amys Eltern (Lisa Kudrow und Will Forte) können als überverständnisvolle Weltumarmer auch ihr Kind nicht loslassen, Georges Eltern dagegen sind ihrem offensiven Sprössling schlicht nicht gewachsen. Und der Rektor (Jason Sudeikis), der schon tagsüber eher eine schwammige Figur macht, wird bei nächtlichen Offenbarungen nur immer peinlicher.

Gut gemachtes Coming-of-Age-Kino – Filme wie „Fast Times at Ridgemont High“ (1982) oder „Rushmore“ (1999) – spiegelt in den Wünschen, Träume, Idealen und Sehnsüchten Heranwachsender die Gesellschaft, in der sie leben – und deren Defizite. „Booksmart“ tut das auf brillante, sehr sanfte, freilich durch und durch amerikanische Weise. Wie in allen guten Hollywood-Komödien finden Molly und Amy am Ende nicht das, was die zu wollen glaubten, sondern das, was sie dringend brauchen. In erster Linie die Erkenntnis, dass das Leben wunderbar sein kann und gelebt werden will.

Booksmart. USA 2019. Regie: Olivia Wilde. Mit Beanie Feldstein, Kaitlyn Dever, Jessica Williams. 102 Minuten. Ab 12 Jahren. EM (auch OV, OmU), Ufa