Kinokritik: Der geheime Garten Tapferes Mädchen trifft auf Colin Firth als ominösen Onkel

Von Bernd Haasis 

Der Kinderbuchklassiker „Der geheime Garten“ über ein Mädchen, das seine traumatisierte Familie heilt, erstrahlt nun in neuem Kinoglanz.

Mary  bringt alles gehörig durcheinander im finsteren Schloss ihres Onkels und entdeckt in der Nähe ein ummauertes Natur-Idyll. Foto: Studiocanal 16 Bilder
Mary bringt alles gehörig durcheinander im finsteren Schloss ihres Onkels und entdeckt in der Nähe ein ummauertes Natur-Idyll. Foto: Studiocanal

Stuttgart - Die zehnjährige Mary ist kaum zu bändigen. Und je weiter sie ihr Trauma überwindet und ihre zickige Verwöhntheit abstreift, desto mehr tritt eine Menschen- und Tierfreundin in ihr zutage, die sich selbst heilen kann und Licht ins Leben anderer bringt. Niemand hat das nötiger als ihr Onkel Lord Archibald Craven, der Mary 1947 aufnimmt, als ihre Eltern im kolonialen Indien in den Turbulenzen um die Abspaltung Pakistans an Cholera sterben.

Der Onkel haust in Misselthwaite Manor, einem düsteren Schloss im Moor von Yorkshire. Dort vergräbt er sich seit Jahren in die Trauer um seine verstorbene Frau, die Schwester von Marys Mutter. Seine Haushälterin Mrs. Medlock führt ein strenges Regiment, und Mary geht hinaus in die Natur, so oft sie kann. Dort entdeckt sie ein verschlossenes Garten-Refugium von atemberaubender Schönheit, das sich als Schlüssel zu vielen familiären Geheimnissen entpuppt.

Englische Gärten als Vorbilder

Die gebürtige Britin Frances Hodgson Burnett veröffentlichte „The secret Garden“ im Jahr 1911 und ließ ihr eigenes Dilemma einfließen. Ihre Familie zog vom englischen Manchester in den US-Bundesstaat Tennessee, als sie 17 war. Später reiste sie oft zurück und entwickelte eine Liebe zu englischen Gärten, besonders denjenigen um das Schloss Maythem Hall in Kent. Ihr Buch spricht Kinder wie Erwachsene gleichermaßen an, es gehört in Großbritannien und den USA zu den populären Kinderbüchern.

Die britische Band Depeche Mode veröffentlichte auf ihrem Album „A Broken Frame“ (1982) einen Song namens „A Secret Garden“, den der Hauptsongwriter Martin Gore als Hommage ans Buch komponierte. Bereits 1919, 1943 und 1993 wurde „Der geheime Garten“ verfilmt, ist in Deutschland allerdings, wie viele angloamerikanische Stoffe, weniger bekannt. Das könnte sich nun ändern­.

Der englische Serienregisseur Marc Munden („National Treasure“) und die Produzenten von „Harry Potter“ und „Paddington“ verlegen den „geheimen Garten“ in die Nachkriegszeit. Munden betrachtet die Welt aus Marys kindlichem Blickwinkel und begleitet sie auf ihren Streifzügen aus der häuslichen Dunkelheit in eine heller werdende Umgebung, in der sie bald Freunde findet. Zuerst läuft ihr ein struppiger, sehr goldiger Hund zu, dann findet sie eine Verbündete in der Hausangestellten Martha, nachdem sie ihre koloniale Arroganz abgestreift hat und diese nicht mehr als Untergebene behandelt. Ein Rotkehlchen führt Mary zu einem geheimnisvollen Schlüssel, und mit Marthas Bruder Dickon erkundet sie bald den vor praller Blütenpracht strotzenden Garten, den sie dank ihrer ungebremsten Neugier entdeckt hat. Schließlich findet sie in einem dunklen Gestell ihren bettlägrigen Cousin Colin, der so alt ist wie sie und doch glaubt, er werde bald sterben.

Das Zimmer der toten Tante ist ein morbider Schrein

Nach und nach setzt sich das Bild einer traumatisierten Familie vor Marys Augen zusammen, Munden visualisiert ihre Gedanken zunächst schemenhaft und dann immer konkreter. Während ihre Tante anfangs nur durchs Bild huscht, sieht sie irgendwann auf grüner Wiese, innig verbunden mit ihrer Mutter, die Mary als abweisend in Erinnerung behalten hat. Eine wichtige Rolle spielt auch das Zimmer der Tante, ein magischer Schrein, ein morbides Museum voller ausgestellter Kleider und Schmuck.

Die junge Schauspielerin Dixie Egerickx geht beherzt zur Sache, sie lässt keinen Zweifel daran, dass es dem Wildfang Mary gelingen kann, überall einzudringen und die familiäre Erstarrung aufzubrechen – selbst die des Patriarchen, dem Colin­ Firth theatralisches Selbstmitleid in jede kleine Geste legt.

Die Gartenmetapher funktioniert

Munden übertreibt nicht mit Effekten, er setzt auf einen überwiegend analogen Look, der die Geschichte erdet. Trotzdem beeindrucken ein riesiges gelbes Blütendach und gigantische grüne Blätter, die sich Mary im Vorübergehen zuneigen. Die Gartenmetapher funktioniert unaufdringlich: Wenn der zunächst hoffnungslose Colin zu neuem Leben erblüht, versteht es sich ganz ohne Worte, dass auch menschliche Seelen gehegt und gepflegt werden müssen.

Der geheime Garten. Großbritannien 2020. Regie: Marc Munden. Mit Dixie Egerickx, Colin Firth. 100 Minuten. Ab 6 Jahren. Cinemaxx SI (auch OV), Delphi (auch OmU), Metropol (auch OV)




Unsere Empfehlung für Sie