Kinokritik: Die Erfindung der Wahrheit Sie will nur eines: gewinnen

Von Bernd Haasis 

Jessica Chastain erweckt in einer Oscar-reifen Darbietung eine Lobbyistin in Washington zu eiskaltem Leben. John Madden ist ein großer Polit-Thriller gelungen, in dem er auch den irrationalen amerikanischen Waffenwahn vorführt.

Starke Bilder für eine Sphäre, in der die Sprache dominiert: Jessica Chastain als Lobbyistin in „Die Erfindung der Wahrheit“ Foto: Verleih 16 Bilder
Starke Bilder für eine Sphäre, in der die Sprache dominiert: Jessica Chastain als Lobbyistin in „Die Erfindung der Wahrheit“ Foto: Verleih

Washington - Wenn diese Frau eine Schachspielerin wäre, sie müsste Weltmeisterin sein – so präzise und weitblickend antizipiert die Lobbyistin Elizabeth Sloane die Züge ihrer Gegner. Vordergründig streitet sie gegen die übermächtige US-Waffenindustrie, in Wahrheit aber geht es um Sloanes Existenz, um ihre Identität als Mensch. Sie orchestriert ihr Personal, das größtenteils nicht ahnt, dass es ihr zuarbeitet, indem es das Erwartbare tut. So plant sie einen meisterhaften Coup mit kühnen Täuschungsmanövern und ausgeklügelten Fallen, den nur ein Mensch ohne Nerven durchziehen kann.

Ein großer Polit-Thriller ist dem Regisseur John Madden gelungen, der bis hin zum Originaltitel („Miss Sloane“) an große Vorgänger wie Tony Gilroys „Michael Clayton“ (2007) und Steven Soderberghs „Erin Brokovich“ (2000) heranreicht – und dabei einen perfiden Plot mitbringt wie „Die üblichen Verdächtigen“ (1995). Jonathan Pererea heißt der Newcomer, dessen erstes Drehbuch hier verfilmt wurde. Er hat es ganz alleine geschrieben – eine Rarität in Hollywood, wo Autorenteams und -wechsel längst Normalität sind.

Chastain verströmt eine Energie, die an Isabelle Huppert erinnert.

Pereras klare Handschrift mag dem Briten Madden geholfen haben, der bislang eher für romantische Komödien stand wie „Shakespeare in Love“ (1998) oder „Best Exotic Marigold Hotel“ (2012). Nun ist er es, der Jessica Chastain endlich die Hauptrolle gegeben hat, in der die schon länger hoch gehandelte alle Erwartungen bestätigen kann. Aufgefallen ist sie schon öfter, ­etwa als sanfte, ätherische Mutterfigur im wehenden Kleidchen in Terrence Malicks Filmparabel „Tree of Life“ (2011). Elizabeth Sloane nun ist das genaue Gegenteil: eine eiskalte, berechnende Zockerin, die in Washington ohne Rücksicht auf Verluste ihr Ziel anvisiert und nur eines will: gewinnen.

Chastain setzt ihre eher zierliche Konstitution gekonnt ein, und verleiht der Sloane einen Anschein von Zerbrechlichkeit, mit dem diese vor allem Männer blendet. Ohne jedes Anzeichen von Anstrengung badet sie förmlich im elaborierten Sprachduktus ihrer Figur und trägt extrem komplexe Dialogkonstrukte vor, als wäre das gar nichts. Dabei verströmt Chastain eine Energie und Unbeugsamkeit, die an Isabelle Huppert erinnert. Bravourös gestaltet sie schwierigste Szenen, etwa einen Schlagabtausch in einer Fernsehtalkshow. Sie sträubt die Stacheln gegenüber dem jungen Mann vom Escort-Service, mit dem sie dem auch in ihr schlummernden Bedürfnis nach ein wenig Liebe nachgibt – zumindest körperlich. Und als die Lobbyistin sich in einer Kongress-Anhörung verantworten muss, zelebriert Chastain deren Aussage, setzt gekonnt Kunstpausen, wo sie hingehören, schenkt in aller Seelenruhe Wasser nach, ehe sie zum entscheidenden Schlag ausholt. Und obwohl Sloane Menschen benützt und hintergeht, bleibt man bis zum Schluss bei ihr.

Egomanen, Selbstüberschätzer und Rüpel

Chastain dürfte eine Oscar-Kandidatin sein, in praktisch allen Hauptkategorien kommt dieser Film in Frage. Madden dirigiert ein gut austariertes Ensemble an Nebendarstellern, die Chastain zuspielen, und er findet starke Kinobilder für eine Sphäre, in der eigentlich die Sprache dominiert. Wenn Sloanes Mitarbeiterin Esme (Gugu Mbatha-Raw) allein am Flughafen sitzt, vermittelt das Gesamtmotiv auf den Punkt, wie eine betrogene Idealistin unter Falschspielern sich fühlen muss. Wenn Sloanes Assistentin Jane (Alison Pill) ihr mitten in einem Eklat unerwartet die Gefolgschaft verweigert, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen. Und immer wieder ist das Tablettendöschen im Fokus, dessen Inhalt die Lobbyistin am Laufen hält.

Männliche Egomanen, Selbstüberschätzer und Rüpel sind da zu bewundern, dem aktuellen US-Präsidenten nicht unähnlich. Sie wollen eine Gesetzesvorlage abwürgen, die den Waffenbesitz r nicht einschränken will, sondern nur eine obligatorische Überprüfung der Waffenkäufer verlangt. Madden führt exemplarisch vor, wie irrational der amerikanische Waffenwahn ist und die darum kreisende Diskussion.

Lobbyisten haben nur Erfolg, weil Politiker mitspielen

„Die Erfindung der Wahrheit“ ist ein treffender Titel, der Film legt ein verrottetes System offen, in dem obsiegt, wer effektiver trickst und täuscht. Auch in Brüssel und Berlin fallen Entscheidungen häufig im Sinne von Branchen. Auf Drängen der deutschen Autoindustrie etwa dürfen Hersteller in der EU den CO2-Ausstoß auf ihre gesamte Flotte umlegen – weshalb nun umweltfreundlichere Kleinwagen ressourcenfressende Luxuslimousinen und Schickeria-Traktoren decken.

Die Schuld dafür allein den Lobbyisten zuzuschieben, wäre freilich zu billig, auch das wird hier klar: Sie hätten ja keinen Erfolg, wenn nicht immer wieder Politiker mitspielen würden. So macht es sich der Senator Ronald Sperling (Jon Lithgow) allzu bequem in seinem Glashaus, wenn er Elizabeth Sloane in der Kongress-Anhörung als „Parasit“ bezeichnet.




Unsere Empfehlung für Sie