Kinokritik: Die schönste Zeit unseres Lebens Die schönste Illusion ist das Dasein selbst

Von Bernd Haasis 

Was simulierte Realität mit Menschen macht: Das französische Drama „Die schönste Zeit unseres Lebens“ ist eine großartige Feier des unverstellten Seins.

Doria Tillier und Daniel Auteuil spielen in „Die schönste Zeit unseres ­Lebens in Kulissen der 70er Jahre eine reale Romanze nach Foto: Verleih 9 Bilder
Doria Tillier und Daniel Auteuil spielen in „Die schönste Zeit unseres ­Lebens in Kulissen der 70er Jahre eine reale Romanze nach Foto: Verleih

Stuttgart - Als 1999 der Zukunfts-Thriller „Matrix“ erschien, traf er einen Nerv: Virtuelle Realitäten waren zum Greifen nahe, erste Einblicke beflügelten die Fantasie. Dabei ist „Matrix“ eine Dystopie, die Maschinen haben den Krieg gewonnen und halten Menschen in Waben als lebende Batterien, denen eine Computersimulation Realität nur vorgaukelt. Seither arbeitet sich das Kino an der Digitalisierung der Welt ab, in Filmen wie „Her“ (ein Mann verliebt sich in sein Betriebssystem) oder „Deus ex Machina“ (eine Androidin trickst ihren Schöpfer aus).

Nun dreht der französische Filmemacher Nicolas Bedos den Spieß um: Er holt die Illusionen zurück ins Analoge und bedient damit die große menschliche Sehnsucht nach realer Berührung. In seinem Spielfilmdrama „Die schönste Zeit unseres Lebens“ bietet der Regisseur Antoine (Guillaume Canet) Wohlhabenden Zeitreisen an, sie werden zu Hauptdarstellern in einer Aufführung mit Kostümen, Kulissen und Schauspielern und dürfen sich fühlen wie Adolf Hitler oder William Faulkner.

Doria Tillier verzaubert, tanz, singt

Dafür bekommt der aus der Zeit gefallene Comiczeichner Victor (Daniel Auteuil) von Antoine einen Freifahrschein als Dank für frühere Hilfe. Und nachdem Victors im Digitalen voll aufgehende Frau Marianne (Fanny Ardant) ihn gerade rausgeworfen hat, lässt er sich zurückversetzen ins Lyon des Jahres 1973, als er Marianne im Café „La belle Epoque“ kennengelernt hat. Victor staunt genauso wie die Kinozuschauer, wie ein längst vergangenes Frankreich wieder aufersteht, wie die Erben der Achtundsechziger das Nachkriegs-Ambiente mit frischem Wind durchpusten, wie livrierte Kellner auf wilde Hippie-Mädchen treffen.

Victor lernt in der Belle-Epoque-Kulisse Margot kennen. Sie ist als junge Marianne gut gebrieft mit Victors Erinnerungen und hat einen Knopf im Ohr für die Regieanweisungen, damit sie im richtigen Moment die richtigen Dinge tut und sagt, um die Illusion möglichst perfekt zu machen. Schnell gerät der reife Mann in reale Wallung, weil Margot lichterloh brennt vor Leidenschaft fürs Leben.

Doria Tillier, die neben Bedos schon in „Monsieur und Madame Adelman“ brillierte, wirft sich in die Rolle hinein mit allem­, was sie hat. Sie verzaubert, kokettiert, tanzt und singt („Me and Bobby McGhee“) mit einer Verve, die ihre Darbietung so wirken lässt, als wäre alles echt. Margot wiederum ertappt sich bald dabei, dass Victor es ihr antut mit seiner galanten, freundlichen Art, seinem Witz. Leichtfüßig verkörpert Auteuil den Gentleman alter Schule, man glaubt ihm alles. Entscheidend sind dann Victors Illustrationen, die er abends in der Hotelkulisse fabriziert: Wie er Margot ansieht, hat sie noch nie jemand angesehen, vor allem nicht Antoine, ihr Ex, den im Regieraum die Eifersucht übermannt.

Verklärungen der guten alten Zeit

Wer mit Gefühlen spielt, muss damit rechnen, dass sie außer Kontrolle geraten – und der Regisseur Nicolas Bedos zeigt die Versuchungen der Manipulation, die selbst in der kleinen Welt der Belle-Epoque-Kulissen eine reale Gefahr darstellen. Er inszeniert ein fantastisches Spiel mit der Nostalgie, mit den Verklärungen der guten alten Zeit und letztlich mit der Illusionsmaschine Kino – denn Antoine baut ja nichts anderes auf als analoge Filmsets. Die Vorstellungskraft ist eine Macht, seit Menschengedenken kitzeln gut erzählte Geschichten die Fantasie, sie berühren und faszinieren, ganz ohne­ digitale Technik.

Marianne, die sich in Netzwerken tummelt und abends per VR-Brille in eine Strandszenerie entflieht, dämmert irgendwann: Die schönste Illusion ist das Dasein selbst mit all seinen Einbildungen, Sehnsüchten, Selbsttäuschungen. Nun läuft Fanny Ardant zu großer Form auf, sie funkelt und strahlt mit ihren siebzig Jahren so hell wie die halb so alte Tillier in diesem von vielen Ebenen durchzogenen Werk, das zeigt: Mit der Filmnation Frankreich ist immer zu rechnen.

Die schönste Zeit unseres Lebens. Frankreich 2019. Regie: Nicolas Bedos. Mit Daniel Auteuil, Doria Tillier, Fanny Ardant. 110 Minuten. Atelier am Bollwerk