Kinokritik: Hustlers Sex-Arbeiterinnen spielen ihre Macht aus

Von Bernd Haasis 

Das Krimi-Drama „Hustlers“ erzählt von New Yorker Stripperinnen, die ein größeres Stück vom Kuchen wollen und als Gang eine Masche entwickeln, Männer auszunehmen. Jennifer Lopez spielt die Anführerin – und wächst über sich hinaus.

Erst ein  Objekt der Begierde, dann die Anführerin einer Gang, die männliche Triebhaftigkeit ausnützt:  Jennifer Lopez als Stripperin in „Hustlers“ Foto: STXfilms/Barbara Nitke 9 Bilder
Erst ein Objekt der Begierde, dann die Anführerin einer Gang, die männliche Triebhaftigkeit ausnützt: Jennifer Lopez als Stripperin in „Hustlers“ Foto: STXfilms/Barbara Nitke

Stuttgart - Was für ein Comeback! Mit ihrer ersten Konzert-Tournee nach sieben Jahren hat Jennifer Lopez 2019 unter dem Titel „It’s My Party“ ihren 50. Geburtstag gefeiert und bei 38 Shows rund 54,7 Millionen Dollar (rund 50 Millionen Euro) erlöst. Nun kommt sie zurück ins Kino mit einem ihrer stärksten Auftritte: Sie verkörpert in „Hustlers“ die mondäne New Yorker Stripperin Ramona. Der macht an der Stange keine etwas vor, und sie schart eine Gang jüngerer Kolleginnen um sich, die allerlei Tricks lüsterne Gutverdiener ausnimmt.

Lopez, genannt J.Lo nach dem Titel ihres zweiten Albums von 2001, hat immer damit gekämpft, eher als Sexsymbol denn als Schauspielerin wahrgenommen zu werden. Nun bringt sie beides zusammen und entwickelt als Stripperin eine unheimliche Präsenz. Gekonnt spielt sie mit einer kalkulierten Erotik und demonstriert scheinbar unangestrengt eine ausgefeilte Athletik an der Stange.

Ein ebenso glitzerndes wie abgründiges Terrain

Die Regisseurin Lorene Scafaria beschönigt nichts: Sie inszeniert die Welt der Sex-Dienstleister als ebenso glitzerndes wie abgründiges Terrain, auf dem die sich entblößenden Frauen nur einen kleinen Teil vom Kuchen bekommen. In der Garderobe offenbaren sie ihre Gefühls- und Gedankenwelt, sie zimmern sich Rechtfertigungen, leiden unter Kindheitstraumata, geraten in existenzielle Krisen und entschädigen sich mit Handtaschen.

Die eigentliche Hauptrolle spielt Constance Wu, die allerdings nie aus Lopez’ Schatten tritt. Wus Figur Destiny muss sich und ihre Oma über Wasser halten, so wird sie zur Sex-Arbeiterin. Nach einem Zeitsprung – die Finanzkrise von 2008 ruiniert Teile der zahlungskräftigen Kundschaft und bringt das Sex-Geschäft für eine Weile zum Erliegen – hat sie dann noch eine kleine Tochter zu versorgen, was den Druck vergrößert, doch wieder ins Gewerbe zurückzukehren.

Natürlich fliegen die Damen auf

Keke Palmer verkörpert die handfeste Mercedes, die sich nichts gefallen lassen will, was in ihrem Job nicht immer klappt. Lili Reinhardt formt in der Serie „Riverdale“ die brave Blondine Betty Cooper zum vielschichtigen Charakter; in „Hustlers“ nun wird sie zur zerbrechlich wirkenden Annabelle, die viel zu sensibel ist für den Job und bei der männlichen Kundschaft unweigerlich den Beschützerinstinkt weckt. In weiteren Rollen sind Madeline Brewer („The Handmaid’s Tale“) sowie die Rapperinnen Lizzo und Cardi B zu sehen.

Julia Stiles als Reporterin befragt in einer Rahmenhandlung Destiny im Nachhinein zu ihren kriminellen Machenschaften, die natürlich irgendwann aufgeflogen sind. Sie steht für die reale Journalistin Jessica Pressler, die 2015 im „New York“-Magazin einen Artikel mit dem Titel „The Hustlers at Scores“ schrieb über eine Gruppe von Stripperinnen, die in Manhattan wohlhabende Männer um ihr Geld erleichterten. Damit lieferte sie den Anstoß und die Vorlage für das Drehbuch von Lorene Scafaria, deren Film Jennifer Lopez als Executive Producer mit ermöglicht hat. Die zentrale Nebenrolle der Ramona hat Lopez übernommen, ohne dafür eine Gage zu verlangen.

Ist dieser Film feministisch?

Die hätte sie sowieso nicht gebraucht, und nun verdient sie als Produzentin kräftig mit: In den USA erlöste „Hustlers“ am Startwochenende Anfang September 33,2 Millionen Dollar (rund 30,1 Millionen Euro), das beste Einspielergebnis, das Jennifer Lopez je erzielt hat. Eine interessante Diskussion dreht sich nun darum, ob „Hustlers“ ein feministischer Film sei. Die Damen müssen ja nicht mehr an die Stange, sich nicht mehr auf einer Bühne rekeln, um möglichst viele Scheine zu erbeuten, von denen sie nur wenige behalten dürfen; aber sie setzen weiterhin leicht geschürzt ihre Körper ein, um die Macht zu ihren Gunsten zu verschieben, und sie machen sich de facto des Raubs schuldig – ein hoher Preis. Es gäbe natürlich auch eine Alternative: Wirkungsvoller wäre es, das angeschaffte Geld statt in Handtaschen und Schuhe in ein Studium zu investieren, an höherer Stelle selbst ins Gewerbe einzusteigen und die Regeln zugunsten der Frauen zu verändern.

„Hustlers“ aber bleibt eng an der Vorlage und ist in erster Linie ein solides Krimidrama, das von ausgeprägten weiblichen Charakteren lebt und Einblicke in deren Befindlichkeiten gewährt. Nicht mehr und nicht weniger.

Hustlers. USA 2019. Regie: Lorene Scafaria. Mit Jennifer Lopez, Constance Wu, Lili Reinhart. 110 Minuten. Ab 12 Jahren. Cinemaxx SI,
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