Kinokritik: Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer Ein Plädoyer für Offenheit

Von Ina Hochreuther 

Endlich kommt Michael Endes berühmtes Kinderbuch in die Kinos. Die prächtige Verfilmung wird dem Stoff gerecht, der aktueller den je anmutet.

Diese beiden Freunde  nehmen einander ernst: Henning Baum als Lukas, der Lokomotivführer, Solomon Gordon als Jim Knopf. Foto: Verleih 9 Bilder
Diese beiden Freunde nehmen einander ernst: Henning Baum als Lukas, der Lokomotivführer, Solomon Gordon als Jim Knopf. Foto: Verleih

Stuttgart - Eine Insel mit zwei Bergen“ summt beim Stichwort Lummerland unwillkürlich im Ohr. Motive dieses Lieds durchziehen dezent die orchestrale Filmmusik der Kinoproduktion „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. ­So wird einerseits spielerisch auf die viel­fältigen Adaptionen des Stoffs verwiesen und andererseits beiläufig gezeigt, wie hier keine Kosten und Mühen gescheut wurden.

Dabei hätten wir Jim Knopf beinahe nie kennengelernt. Kein Verlag wollte die fantasievollen Abenteuer um den schwarzen Jungen, der als Baby auf der winzigen Insel Lummerland strandet, von Frau Waas mütterlich aufgenommen wird und im Lokomotivführer Lukas einen Freund findet, der ihn durch und durch ernst nimmt. Ein Dutzend Absagen hatte der noch unbekannte Michael Ende (1929–1995) mit seinem über 500 Seiten starken Manuskript bekommen, als Thienemann aus Stuttgart schließlich das Potenzial der Geschichte erkannte, die sich bis heute lesen lässt als Plädoyer für Offenheit gegenüber Fremdem und anderen Kulturkreisen – und aktueller erscheint denn je. 1960 erschien „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und bekam prompt den Deutschen Jugendbuchpreis, 1962 folgte „Jim Knopf und die Wilde 13“. Übersetzt in 33 Sprachen, wurden weltweit rund fünf Millionen Exemplare verkauft.

Michael Ende verabscheute die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“

Zur Erfolgsstory hat hierzulande natürlich die Augsburger Puppenkiste beigetragen. Das Spiel der berühmten Marionetten flimmerte bereits 1962 als zehnteilige Serie in Schwarz-Weiß über die Fernsehbildschirme. Ende der 70er Jahre entstand dann aus den beiden „Jim Knopf“-Bänden eine neue achtteilige Farbfilmfassung.

Umso mehr erstaunt, dass erst jetzt ein Spielfilm fürs Kino gedreht wurde. Ein Grund mag darin liegen, dass es nicht leicht gewesen sein dürfte, die Filmrechte von den Erbenvertretern Michael Endes zu bekommen. Denn der Autor verabscheute die Verfilmung seiner „Unendlichen Geschichte“ (1984) und ließ sich zu der von „Momo“ (1986) nur überzeugen, indem er am Drehbuch mitwirkte. Der Produzent Christian Becker hat es geschafft, doch es hat fünfzehn Jahre gedauert von der ersten Idee bis zur Fertigstellung dieser mit knapp 25 Millionen Euro extrem teuren Produktion für einen deutschsprachigen Film.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Der Look des Films wirkt bei aller Detailliebe nie bombastisch, sondern immer fein gestaltet. Jim Knopf, entzückend gespielt vom Briten Solomon Gordon, und ­Lukas (Henning Baum) stechen auf der segeltüchtig gemachten Lokomotive Emma in See, weil der Winzinsel „Überbevölkerung“ drohe, wie König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte sagt – Uwe Ochsenknecht agiert in dieser Paraderolle eitel und unsicher mit netten Sprachverhaspelungen. Eine Sturmwelle schwemmt die beiden Abenteurer an die Küste des Reichs Mandala, wo sie von der entführten Prinzessin Li Si erfahren, die sie aus der Drachenstadt befreien wollen. Die asiatisch-exotische Kaiserstadt entstand als rudimentäre Kulisse in den Babelsberger Filmstudios und wurde von der Stuttgarter CGI-Firma Mackevision am Computer prächtig ausgebaut. Auch die Schauwerte der anderen beteiligten CGI-Firmen beeindrucken, bis zu 500 Digitalkünstler waren gleichzeitig am Werk.

Der finstere Drache berührt mehr als alle Schauspieler

Regisseur Dennis Gansel („Die Welle“, „Mechanic Resurrection“), Drehbuchautor Dirk Ahner („Hui Buh – Das Schlossgespenst“), Kameramann Torsten Breuer und Produzent Christian Becker, allesamt von der Münchner Filmhochschule stammend, sind ein eingespieltes Team. Ihre Verfilmung bleibt eng an der literarischen Vorlage, bis in manche Dialoge hinein. Eines vor allem verblüfft: Ein computeranimiertes Wesen, der wandlungsfähige Drache Frau Mahlzahn, berührt stärker als alle Schauspieler. Erst sieht man sie als schwarze Pädagogin in der Drachengruft, später als besiegte Gefangene in Mandala vor ihrer angekündigten Verwandlung in eine weise Kreatur, krächzend-empathisch eingesprochen von Judy Winter. In diesen zwei hübschen Sequenzen, die auf bereits 2008 mit Hollywood-Legende Shirley MacLaine in Australien gedrehten Episoden beruhen, steckt ein Zauber, der ansonsten nicht so augenfällig zutage tritt.

Der crossmediale Kosmos um Jim Knopf ist mit diesem computertrickgespickten Realfilm nicht nur größer und bunter geworden, sondern auch reicher.




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