Kinokritik: Judy Am Ende des Regenbogens

Von Bernd Haasis 

Der Regisseur Rupert Goold schaut vom tragischen Ende her auf die Karriere der Schauspielerin und Sängerin Judy Garland – und macht daraus eine universelle Betrachtung, wie weibliche Stars am Rampenlicht zerbrechen.

Renée Zellweger verwandelt sich in der Filmbiografie „Judy“    mit Haut und Haaren in Judy Garland Foto: Imago Images/David Hindley 3 Bilder
Renée Zellweger verwandelt sich in der Filmbiografie „Judy“ mit Haut und Haaren in Judy Garland Foto: Imago Images/David Hindley

Stuttgart - Es dauert lange, bis sie endlich singt, und es ist ein banges, klug aufgebautes Warten: Die Zuschauer zittern mit der großen Judy Garland, ob sie Ende der 1960er überhaupt noch einen Ton herausbringt. Was sie dann natürlich tut – und wie. Die Schauspielerin Renée Zellweger („Bridget Jones“) verwandelt sich mit Bravour in die späte Diva, die immer abwechselnd charmiert und ausrastet, die sich im Dauerrausch selbst täuscht, ihre Emotionen nicht im Griff hat, die falschen Männer anzieht und an jeder ihrer Beziehungen scheitern muss. Garland, einst der Kinderstar in dem märchenhaften Film „Der Zauberer von Oz“ (1939) und danach eine Bühnensensation und steht nun vor den Scherben einer problematischen, von Alkohol und Tabletten gezeichneten Karriere. 1969 starb sie im Alter von nur 47 Jahren.

Ähnlich wie Jon S. Baird in „Stan & Ollie“ (2018) anrührend den tragischen Abstieg des einst gefeierten Komiker-Duos Laurel und Hardy nachgezeichnet hat, schaut auch Rupert Goold vom Ende her auf den Weltstar Judy Garland. Und er hat mit seiner Hauptdarstellerin einen Glücksgriff getan: Anders als Marie Bäumer, die sich in dem ähnlich gelagerten Film „3 Tage in Quiberon“ (2018) sichtlich dabei gefiel, die femme fatale Romy Schneider sein zu dürfen, verwechselt Zellweger sich nicht mit der Figur, sondern geht in ihr auf. Sie verkörpert glaubwürdig eine Judy Garland, die nie wirklich bei sich ist, weil sie gar nicht mehr herauskommt aus den Rollen, die sie sich zur Bewältigung ihres Daseins zurechtgezimmert hat.

Aus dem Star ist ein Wrack geworden

Zunächst tritt Garland als treu sorgende Mutter auf, die gar nichts dafür zu können glaubt, dass sie nach der Trennung von ihrem Mann mit ihren beiden Kindern im Hotel wohnt – wo sie allerdings abgewiesen wird, weil sie nicht mehr bezahlen kann. Nach und nach arbeiten Goold und Zellweger die Brüche heraus, die aus dem Star ein Wrack gemacht haben, das schließlich die Kinder bei deren Vater zurücklässt, um in London noch einmal auf die Bühne zu gehen und Geld zu verdienen.

Nun beginnt ein Wechselbad der Gefühle mit Stimmungsschwankungen, dramatischen Gesten, Abstürzen, Ungewissheiten. Ein reizender englischer Veranstalter (Michael Gambon) stellt Judy eine glanzvolle Bühne zur Verfügung und eine reizende persönliche Assistentin an die Seite, die sich rührend kümmert – doch die Garland hasst es, gemanagt, gar bevormundet zu werden.

Zellweger entwickelt das Charisma einer Diva

Das alte, glitzernde Showbusiness wird hier noch einmal lebendig in einem liebevoll ausgestalteten London der 60er. Die gesamte Kulisse umarmt die Künstlerin, schmiegt sich an sie an. Die Kamera liebt sie genauso wie das Publikum, in dem Judy Garland zugewandte Menschen findet. Zellweger entwickelt das notwendige Charisma einer echten Diva, die sehr schlagfertig und witzig sein kann und lange nicht aus der Rolle fällt – bis sie sich schließlich im Fernsehen und auf der Bühne von frecher Ansprache ohne Not provozieren lässt.

Dass dahinter eine verkorkste Kindheit und Jugend steckt, wird in Andeutungen klar und ganz explizit in Rückblicken mit dem Filmproduzenten Louis B. Mayer (Richard Cordery). Er brachte den „Zauberer von Oz“ mit dem Regisseur Victor Fleming („Vom Winde verweht“) auf die Leinwand, in dem Judy Garland den Welthit „Over the Rainbow“ sang. Im vorliegenden Film hält er die 16-Jährige im Studio wie eine Sklavin: Angestellte wachen darüber, das sie ja nichts tut, was die Dreharbeiten gefährden könnte, also so ziemlich alles, was Jugendlichen Spaß macht. Dazu kommen Mayers Ansprachen, in denen er der kleinen Judy wie ein zorniger Gott Schlimmstes androht, falls sie nicht spurt – zum Beispiel das sofortige und endgültige Ende all ihrer Träume.

Dabei ist „Judy“ keine reine Filmbiografie, sondern weist weit über den Einzelfall hinaus. Zellweger ist hier nicht nur Judy Garland, sie ist auch Vivien Leigh, Marilyn Monroe, Romy Schneider, Amy Winehouse und jede andere Frau, die am Rampenlicht zerbricht. Diese Universalität macht den Film zu etwas Besonderem.

Judy. USA 2019. Regie: Rupert Goold. Mit Renée Zellweger, Rufus Sewell, Michael Gambon. 118 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.




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