Kinokritik: „Lara“ Corinna Harfouch als große Manipulatorin

Von Bernd Haasis 

In „Lara“ liefert Corinna Harfouch ein schauspielerisches Meisterstück als fordernde Mutter eines Konzertpianisten.

Auf der Suche nach dem verschwundenen Sohn: Corinna Harfouch  in „Lara“ Foto: Studiocanal/Frederic Batier
Auf der Suche nach dem verschwundenen Sohn: Corinna Harfouch in „Lara“ Foto: Studiocanal/Frederic Batier

Berlin - Einmal aufgescheucht, durchmisst Lara strammen Schrittes Berlin. Ihr Sohn Victor ruft nicht zurück, er ist wie ein Phantom, das sie an ihrem 60. Geburtstag verbissen jagt. Ganz weich wird ihre Stimme, wenn Lara ihm Nachrichten hinterlässt, Victor aber erscheint zunächst nur auf Plakaten: Er ist Pianist und spielt am Abend sein erstes Konzert mit Eigenkompositionen.

Corinna Harfouch macht aus dieser Lara einen so zwiespältigen Charakter, dass man ständig denkt, im nächsten Moment müsse es sie zerreißen. Sie kann mitten unter Menschen völlig allein wirken, leer. Wenn es die Situation es erfordert, knipst sie ein gewinnendes Lächeln an und nimmt alle für sich ein – außer den wenigen, die sie kennen. Genauso brüsk schaltet sie ihren Charme wieder ab und lässt Leute einfach stehen, wo die meisten Menschen aus Höflichkeit viel zu lange ausharren würden. Eine strenge, haarsträubend zynische Manipulatorin ist Lara, eine mondäne Stressraucherin, deren Scheitern als Kontrollfreak und Helikoptermutter sie in eine handfeste Depression gestürzt hat.

Der bestätigt die Klasse des Regisseurs

Der Regisseur Jan-Ole Gerster bestätigt in „Lara“, dass sein exzellenter Debütfilm „Oh Boy“ (2012) kein Zufallstreffer war: Wie damals, als er Tom Schilling durch Berlin irren ließ, macht er auch „Lara“ zum Fußgänger-Roadmovie, durchdringt es mit einem unbedingten Gestaltungswillen, einer unverwechselbaren Ästhetik. Eine leicht paranoide Atmosphäre liegt über Laras Odyssee durch die Hauptstadt, Frank Griebes statische Kamera folgt der Protagonistin nicht, sondern ist immer schon da wie eine sie überwachende Voyeurin – und verharrt immer wieder mit ihr in wunderbaren Einstellungen vor Schaufenstern, Kuchentellern, Lebensleerstellen.

Auch wenn Tom Schilling hier wieder eine eindrückliche Rolle als Sohn Victor spielt, der irgendwann tatsächlich in Erscheinung tritt, ist „Lara“ keineswegs eine Fortsetzung von „Oh Boy“, sondern ein eigenständiger Zwillingsfilm zum selben Thema: Wo der junge Mann einen Fokus finden musste, stellt die gestandene Frau fest, dass sie den ihren verloren hat – und mit ihm sich selbst. Es ist ganz Harfouchs Film, ein schauspielerisches Meisterstück mit erstaunlichen Wendungen und Offenbarungen. Um verpasste Chancen geht es da und um nicht gelebte Leben, um den Einfluss der Urteile anderer und um den Zweifel, der allzu oft siegt über die Zuversicht.

Musik gibt es natürlich auch zu hören: Schilling hat seinen Chopin wohl tatsächlich selbst gespielt, bei Schumann waren die Hände von Alice Sara Ott im Spiel.