Kinokritik: Vergiftete Wahrheit Ein Kampf gegen Chemie-Windmühlen

Mark Ruffalo wühlt sich als Anwalt   durch gigantische Aktenberge, in denen jeder Schnipsel zählt, um den Chemieriesen Dupont zu überführen. Foto: Focus Features//Mary Cybulski 15 Bilder
Mark Ruffalo wühlt sich als Anwalt durch gigantische Aktenberge, in denen jeder Schnipsel zählt, um den Chemieriesen Dupont zu überführen. Foto: Focus Features//Mary Cybulski

Einen realen Fall zeigt das Polit-Drama „Vergiftete Wahrheit“, das frisch in den Kinos gestartet ist: Ein Rechtsanwalt versucht im Alleingang, den Chemie-Giganten Dupont für einen Umweltskandal haftbar zu machen.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Stuttgart - Der Schauspieler Mark Ruffalo hat viele Gesichter. Er verlieh einem der investigativen Journalisten, die in dem Spielfilmdrama „Spotlight“ (2015) einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufdecken, die zähe Beharrlichkeit eines guten Reporters. Mit einer gesunden Portion Selbstironie stattete er den Nuklearphysiker Bruce Banner aus, der sich in der „Avengers“-Filmreihe gegen seinen Willen in den monströsen grünen Wüterich Hulk verwandelt, sobald er nur ein bisschen zornig wird. Gerade erst hat Ruffalo einen Emmy bekommen für seine Doppelrolle in der Miniserie „I know this much is true“: Er spielt die Zwillingsbrüder Birdsey, von denen einer an Schizophrenie leidet und der andere an den Folgen einer Kindheit in einer hochgradig dysfunktionalen Familie.

Ruffalo ist politisch aktiv, er setzt sich für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen ein und gegen die Zerstörung der Natur durch Fracking. Da überrascht es nicht, dass er nun eine schwierige Rolle in einem Polit-Drama angenommen hat: Er spielt in „Vergiftete Wahrheit“ den Rechtsanwalt Robert Bilott, der es Ende der 90er Jahre mit dem Chemie-Konzern Dupont aufnimmt und eine gigantische Umweltverseuchung aufdeckt, die Menschen und Tiere umbringt.

Der Anwalt wandelt sich zum Verteidiger kleiner Leute

Der Regisseur Todd Haynes zeichnet den realen Fall akribisch nach und konzentriert sich ganz auf den Protagonisten. Ruffalo legt ihn zunächst als eher verhuschten und jovialen Partner einer renommierten Kanzlei an, der dann sein Gewissen entdeckt und sich nach und nach zum kampfeslustigen Ermittler und Verteidiger der kleinen Leute wandelt.

Den Anstoß gibt der verwitterte Farmer Wilbur Tennant aus Parkersburg, West Virginia, er lässt sich nicht abschütteln – Bilotts Mutter hat ihm ihren Sohn empfohlen. Der fährt widerwillig hin und sieht schockierende Bilder: Tennants Rinder erkranken reihenweise, bekommen Missbildungen und schwarze Zähne, ehe sie verrückt werden und verenden. Direkt neben der Farm: eine Anlage von Dupont. Bilott kennt die Branche, fragt beim Konzern nach und lässt sich zunächst beruhigen – erst, als Dupont keine substanziellen Informationen liefert, wird er hartnäckig – und bald mit Akten überflutet in der Hoffnung, dass die Kanzlei ihn davon abbringen wird, sich hindurch zu fressen.

Lehrstück über Zivilcourage

Doch deren Chef Tom Terp (Tim Robbins, privat ebenfalls ein Polit-Aktivist) gibt Bilott Rückendeckung und lässt ihn machen. Der stößt auf rätselhafte Chemikalien und einen Skandal von unvorstellbarem Ausmaß. Trotzdem sieht es zunächst so aus, als würde er scheitern, als würden die Opfer leer ausgehen – worauf sich der Zorn all derer gegen ihn wendet, die um ihre Jobs bei Dupont bangen.

Ein Lehrstück über Zivilcourage ohne Rücksicht auf eigene Interessen ist „Vergiftete Wahrheit“, Bilott riskiert für den Fall seine Karriere und sein Familienglück, weil er Tag und Nacht nur arbeitet. Der Chef rückt irgendwann von ihm ab, Robbins erledigt das im Handstreich mit Das-musst-du-doch-verstehen-Miene. Anne Hathaway als Ehefrau steigert sich in immer schrillere Szenen einer Ehe hinein, während der Stress an Bilott zu nagen beginnt: Nachts in der Tiefgarage lauern keine Auftragskiller, sondern die eigene Erschöpfung.

Wie zum Hohn erklingt „Country Roads“

Eine gespenstische Einsamkeit umgibt die Hauptfigur und ihren Klienten, den man vorschnell der einfach gestrickten weißen Trump-Klientel zurechnen könnte – doch Haynes zeichnet ihn als knorrigen Prototyp des ehrlichen, hart arbeitenden Amerikaners, der sich von niemandem etwas vormachen lässt. Fröhliche Musik läuft im Radio, wenn Bilott im Auto nach West Virginia fährt. Und tatsächlich erklingt auch John Denvers Hit „Take me home, Country Roads“. „Almost heaven, West Virgina“, lautet die erste Zeile. Hier macht sie frösteln über die schiere Gier, die Menschen dazu bringt, ihre irdischen Paradiese zu zerstören.

Vergiftete Wahrheit. USA 2019. Regie Todd Haynes. Mit Mark Ruffalo, Tim Robbins, Anne Hathaway. 126 Minuten. Ab 6 Jahren. Atelier am Bollwerk, Cinema




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