Kinokritik zu „Scary Stories to tell in the Dark“ Grausige Umarmungen

Von Kathrin Horster 

Vordergründig klare Sache: Ein paar Typen verstecken sich zu Halloween in einem alten Haus. Das wird gruselig. Aber der Regisseur André Øvredal und der Produzent Guillermo del Toro holen aus der klassischen Situation in „Scary Stories to tell in the Dark“ noch ein wenig mehr heraus.

Chuck (Austin Zajur) bekommt es mit der Angst zu tun. Foto: Entertainment One 12 Bilder
Chuck (Austin Zajur) bekommt es mit der Angst zu tun. Foto: Entertainment One

Stuttgart - Der Herbst 1968 in den USA ist alles andere als golden. Obwohl Richard Nixon schon im Präsidentschaftswahlkampf acht Jahre zuvor eine miese Figur abgegeben hat, wird er neues Staatsoberhaupt. Eine schlechte Wahl, weiß man wenig später. In Vietnam tobt der Krieg, junge Leute rebellieren gegen Obrigkeiten. Keine leichte Zeit, dem Kino aber liefert sie bis heute Revolutionsszenen mit Blumenkindern, Rock ’n’ Roll und freier Liebe.

Auch der Norweger André Øvredal lässt die Protest-Ära in seinem Film „Scary Stories to tell in the Dark“ wieder aufleben. Dabei legt der Titel nahe, dass es bloß um harmlose Schauermärchen geht und nicht um politische Realitäten. Im Zentrum der mehrere Episoden verbindenden Rahmenhandlung stehen die Außenseiter Stella (Zoe Margaret Colletti), Auggie (Gabriel Rush) und Tommy (Austin Abrams). Auf der Flucht vor einer Gruppe Rowdys flüchten die drei mit ihrem neuen Freund Ramón (Michael Garza) in die verlassene Villa der Fabrikantenfamilie Bellows, deren Tochter Sarah (Kathleen Pollard) einst ein fürchterliches Schicksal widerfuhr.

Politisch unterfüttert

Als Stella ein von Sarah verfasstes Buch findet, blickt sie – und das ausgerechnet am Halloween-Abend – in einen Abgrund: Jede einzelne Geschichte schildert grausige Ereignisse, die Stellas Freunde nun in der Wirklichkeit ereilen.

Das Kleinstadtidyll mit schrulligen Außenseitern, fiesen Football-Spielern, autoritären Polizisten, Lehrern und Eltern ist typisch. André Øvredal hat es mit seinem Produzenten und Drehbuchautor Guillermo del Toro vom Schriftsteller Alvin Schwartz geborgt, der besonders junge Leser das Fürchten lehren wollte. Øvredal und der in politisch unterfütterter Fantastik versierte, 1964 in Guadalajara Jalisco in Mexiko geborene del Toro („Das Rückgrat des Tuefels“, „Pans Labyrinth“, „The Shape of Water“) interpretieren Schwartz’ Schauermärchen aber nicht gerade kindgerecht.

Mit Zähnen und Klauen

Der betont altmodische Horror entfaltet aufgrund der effizienten Inszenierung und der politischen Bezüge erstaunliche Wucht, erzählt von bis heute wirksamen Phänomenen wie Rassismus, vom Hass gegen Frauen und von den Ängsten einer Umbruchgesellschaft, die mit Zähnen und Klauen die bekannte Ordnung zu verteidigen versucht.

Øvredal arbeitet dabei oft mit poetisch-verstörenden Metaphern. Wenn Tommy in einer Sackgasse von einer wabbeligen, unheimlich-naiv lächelnden Figur bedrängt, umarmt und schließlich von deren Körper umschlossen wird, kann man das als schockierendes Bild für den gefährlich einnehmenden Effekt populistischer Meinungsmache sehen. Gänsehaut!

Scary Stories to tell in the Dark. USA 2019. Regie: André Øvredal. Mit Zoe Margaret Colletti, Gabriel Rush, Michael Garza, Kathleen Pollard. 107 Minuten. Ab 16 Jahren.




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