Kinokritik zu „Sorry we missed you“ Herzzerreißend hart

Debbie Honeywood (li.) als Altenpflegerin Abbie: Viel harte Arbeit für wenig Geld Foto: dpa/Joss Barratt 12 Bilder
Debbie Honeywood (li.) als Altenpflegerin Abbie: Viel harte Arbeit für wenig Geld Foto: dpa/Joss Barratt

In „Sorry, we missed you“ blickt Ken Loach wütend auf das alltägliche Leid kleiner Leute in Großbritannien. Ein Paketzusteller und eine Altenpflegerin versuchen hier, über die Runden zu kommen.

Stuttgart - Ricky Turner ist Mitte vierzig und hat schon so ziemlich alles auf dem Bau gemacht. Jetzt sucht er etwas, das weniger auf die Knochen geht, und bewirbt sich als Fahrer bei einem Paketzustelldienst. Dass es sich dabei oft um ein mehr als prekäres Arbeitsverhältnis handelt, ist bekannt. Trotzdem befördern die Bestellungen und kostenlosen Retouren einer stetig wachsenden Konsumentenschar im Internet ein Vertriebssystem, das auf Ausbeutung und massivem Zeitdruck fußt. Mit seinem neuesten Werk „Sorry we missed you“ setzt der 83-jährige, mehrfach in Cannes ausgezeichnete Filmemacher Ken Loach all jenen ein Denkmal, die in Großbritannien in den Mühlen solcher Zusteller schuften.

Ungerechter Knochenjob

Ricky (Kris Hitchen) legt Loach als typischen Vertreter der unteren Mittelschicht in Großbritannien an: Im Zuge der Finanzkrise 2008 kann er die Raten für sein kleines Haus nicht mehr abstottern. Seitdem lebt er mit seiner Frau Abbie (Debbie Honeywood) und den Kindern ­Lisa Jane (Katie Proctor) und Seb (Rhys Stone) in einer engen Wohnung – hauptsächlich aber macht er einen ungerechten Knochenjob.

Abbies Dienstverhältnis als Altenpflegerin mit einem sogenannten Null-Stunden-Vertrag ist nicht minder grausam: Das besonders in Großbritannien übliche Arrangement garantiert den Arbeitnehmern kein festgelegtes Stundensoll, sondern hält sie lediglich für den Bedarfsfall auf Abruf. Da es Abbie oft mit geistig und körperlich stark beeinträchtigten Klienten zu tun hat, kann sie ihre Hausbesuche jedoch nicht nach der Stechuhr absolvieren. Die Zeit, die sie länger unbezahlt bei den Senioren verbringt, fehlt ihr zu Hause bei den Kindern. Die wiederum müssen sich früh selbst versorgen, was besonders dem pubertierenden Sohn schadet.

Ein 14-Stunden-Arbeitstag

Die Bedingungen dieses Alltags sind nicht aus der Luft gegriffen; Loach und dessen Drehbuchautor Paul Laverty haben mit Brancheninsidern Interviews geführt, um ein realistisches Bild von deren Lebensweise und typischen Problemen zeichnen zu können. Deshalb handelt es sich auch nicht um eine dramaturgische Zuspitzung, wenn Loach erzählt, wie die Dienstzeiten von 14 Stunden an sechs Tagen der Woche das Familienleben zunehmend zerrütten. Selbst zum Pinkeln bleibt Ricky keine Zeit, eine Plastikflasche ist deshalb sein wichtigstes Arbeitsutensil.

Loach beschreibt all diese Demütigungen und Ungerechtigkeiten betont sachlich, gerade deshalb schlägt „Sorry we missed you“ hart ein. Wie schon beim herzzerreißenden Arbeiter-Porträt „Ich, Daniel Blake“ verzichtet Loach auch hier auf ein Happy End. So bleiben zum Schluss nur Wut und die Ahnung, dass sich die Verhältnisse nach dem Brexit noch weiter verschlechtern dürften – wenn die EU-Standards zu fairer und sicherer Arbeit im Vereinigten Königreich nicht mehr verbindlich sind.

Sorry we missed you. Großbritannien, Belgien, Frankreich 2018. Regie: Ken Loach. Mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Katie Proctor, Ross Brewster. 101 Minuten. Ab 12 Jahren.




Unsere Empfehlung für Sie