Kinokritik zu Tomb Raider Die Todesgöttin wird exhumiert

Von Martin Schwickert 

Zumindest die Action funktioniert in dieser Neuverfilmung eines Videospiels. Auf ganzer Strecke aber kann die charakterstarke Hauptdarstellerin Alicia Vikander nicht über die dünne Handlung hinwegtäuschen.

Glaubwürdige physische Präsenz: Alicia Vikander als Lara Croft in „Tomb Raider“ Foto: Warner Bros. 16 Bilder
Glaubwürdige physische Präsenz: Alicia Vikander als Lara Croft in „Tomb Raider“ Foto: Warner Bros.

Stuttgart - Als weibliche Wiedergängerin von Indiana Jones eroberte Lara Croft 1996 den Videospielmarkt und ­behauptete sich in mehreren Dutzend Folgen von „Tomb Raider“ als echte Bestseller-Heldin in einem von männlichen Protagonisten dominierten Medium. Auch ins ­Kino schaffte es die Kämpferin in hautenger Trikotage: 2001 und 2003 spielte Angelina Jolie die Videospiel-Ikone und leistete Pionierarbeit als beinharte Kampfamazone. Aber das eher moderate Einspielergebnis von rund 431 Millionen Dollar bot Hollywood zu wenig Anreize, den Markt für ­Actionheldinnen tiefer auszuloten.

Erst in den letzten Jahren scheint sich der Genre-Mainstream mit Filmen wie „Wonder Woman“ und „Ghost in a Shell“ ernsthaft und vor allem auch kommerziell erfolgreich für weibliche Protagonistinnen zu öffnen. Und so sah man bei Warner nun auch die Zeit reif für eine Neuauflage des „Tomb Raider“-Stoffs. Für die Titelrolle wurde die Schwedin Alicia Vikander verpflichtet, die sich in der Science-Fiction-Dystopie „Ex Machina“, dem Transgender-Drama „The Danish Girl“ und im letzten „Jason Bourne“-Film erfolgreich in den verschiedensten Genres ausprobiert hat.

Verweigerung der Erbschaft

Gleich zu Beginn wird sie in den Ring ­geworfen, wo sie sich in einem Mixed-Artial-Arts-Kampf als eine Lara Croft beweisen muss, die auch im festen Würgegriff ihrer Gegnerin nicht aufgeben will. Laras Vater (Dominic West) ist vor sieben Jahren zu einer Mission nach Japan aufgebrochen und nicht mehr zurückgekehrt. Aber die Tochter will nicht glauben, dass der geliebte Daddy gestorben ist, und weigert sich, dessen Erbschaft im Firmenimperium ­anzutreten. Stattdessen schlägt sie sich als Fahrradkurierin in London durch, was zu einer rasanten und touristisch interessanten Drahtesel-Verfolgungsjagd führt, die zeigt, dass der norwegische Regisseur Roar Uthaug zumindest sein Actionhandwerk versteht.

Im familiären Landsitz entdeckt Lara geheime Forschungsarbeiten ihres Vaters. Dessen Warnung, alle Unterlagen sofort zu vernichten, ignoriert sie und reist nach Japan, wo der Vater auf der Suche nach dem Grab der Todesgöttin Himiko verschollen ist. Deren Exhumierung – so die Legende – werde großes Unheil über die Menschheit bringen. Ungute Zeitgenossen wollen der sorgfältig versteckten Leiche habhaft werden, was die tapfere Lara zu verhindern sucht.

Über dem Abgrund

Die erste Hälfte von Uthaugs „Tomb ­Raider“-Variation, die der Vorstellung der jungen Heldin in einem realistischen Gegenwartssetting dient, überzeugt durch solides Actionhandwerk. Die Kampf- und Verfolgungsszenen in London und Hongkong sind rasant, einfallsreich und mit ­artistischer Ambition in Szene gesetzt. Alicia Vikander, die in ihren bisherigen Rollen die innere Stärke ihrer ­Figuren mit einem eher zarten Äußeren kontrastierte, kann hier zeigen, dass sie als Actionheldin auch eine glaubwürdige physische Präsenz ­entwickeln kann.

Selbst wenn Uthaug wie zur Beweissicherung seine Hauptdarstellerin ein paarmal zu oft an einer Hand über dem ­Abgrund baumeln lässt, gibt Vikander ihrer Figur eine deutlich erdigere Note, als es ihre Vorgängerin Angelina Jolie als gelernte Hollywood-Gottheit vermochte. Aber ­Vikander wird im Verlauf des Filmes zunehmend zum einzigen Grund, der den ­Erwerb eines Kinotickets rechtfertigt. Ist die Story erst einmal auf der Spukinsel bruchgelandet, wird das kleine Einmaleins des Abenteuerfilmes ohne kreativen Innovationswillen heruntergeleiert.

Aus dem Handbuch für Mumienfilme

Da macht es keinen Unterschied, dass im Hinblick auf den asiatischen Markt der Sarkophag in einem japanischen Berglabyrinth eingelagert ist. Der Weg dorthin wurde mit den Standardgefahren aus dem Handbuch für Mumienfilme versehen: herausschnellende Lanzen, einstürzende Fußböden, kryptische Rätselaufgaben, die in allerletzter Sekunde gelöst werden wollen, und am Schluss eine Riesenexplosion, aus deren Trümmern die Heldin wie durch ein Wunder geborgen werden kann.

Wer als großes Filmstudio so viel Geld für Action-Choreografie und Digitaleffekte ausgibt und eine solch kompetente Hauptdarstellerin vor der Kamera hat, sollte vielleicht doch noch ein paar Dollar mehr für die Stoffentwicklung auf die Seite legen. Die unterkomplexe Handlungsführung verpufft genauso wie die angestrengte ­Vater-Tochter-Beziehungsdramatik, deren emotionale Tiefe nur eine unglaubwürdige Behauptung bleibt.

Tomb Raider. USA 2018. Regie: Roar Uthaug. Mit Alicia Vikander, Daniel Wu, Dominic West. 118 Minuten. Ab 12 Jahren.