Filmstoffe als TV-Serien „12 Monkeys“- Das Fernsehen im Kino-Recycling-Wahn

Amanda Schull ist keine Madeleine Stowe, Aaron Stanford kein Bruce Willis, trotzdem sind sie die Hauptdarsteller in dem Science-Fiction-Thriller „12 Monkeys“. Foto: RTL Nitro
Amanda Schull ist keine Madeleine Stowe, Aaron Stanford kein Bruce Willis, trotzdem sind sie die Hauptdarsteller in dem Science-Fiction-Thriller „12 Monkeys“. Foto: RTL Nitro

Von „The Girlfriend Experience“ über „Rush Hour“ bis „12 Monkeys“: Wenn den TV-Machern die Ideen ausgehen, vergreifen sie sich gerne an Kinostoffen.

Kultur: Gunther Reinhardt (gun)
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Stuttgart - Es zischt und knallt, es kracht und brummt. Als endlich ­Ruhe einkehrt in diesem Zukunftslabor, das einer Folterkammer gleicht, fragt Deacon: „Wo ist Cole? Ist er wirklich da reingestiegen?“ Und Versuchsleiterin Jones antwortet: „Ja, und er kommt nie wieder!“

Bei einer Science-Fiction-Serie wie „12 Monkeys“, die vom Zeitreisen erzählt, muss es erlaubt sein, ein wenig in die ­Zukunft zu springen. In diesem Fall ans ­Ende der ersten Staffel, die seit dem 3. August auf RTL Nitro zu sehen ist. Doch bevor der Spoileralarm losgeht, sollte klargestellt werden, dass diese Mrs. Jones keine Ahnung hat und falsch liegt. Erstens weil Zeitreisende wie James Cole immer zurückkommen. Zweitens, weil Cole-Darsteller Aaron Stanford auch auf der Besetzungs­liste der zweiten Staffel von „12 Monkeys“ auftaucht, die in den USA bereits ausgestrahlt wurde. Und drittens, weil das Fernsehen wie das Kino nichts mehr liebt, als unendliche Geschichten.

Die Ära der Remakes, Reboots, Sequels, Prequels und Spin-offs

Originalität ist überbewertet. Bezahlt macht sich diese jedenfalls nicht. Was wirklich Geld bringt, ist, Ideen zu recyceln: Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der kreativen Synergieeffekte, die Ära der Remakes, Reboots, Sequels, Prequels und Spin-offs. Heutzutage geht es nicht mehr darum, sich eine einzelne Geschichte auszudenken, sondern Erzählkosmen zu erschaffen, die vielfach ausgewertet, ausgedeutet werden können. Solche Geschichten haben weder Anfang noch Schluss, sie fransen erzählerisch aus, wechseln ihr mediales Erscheinungsbild, buhlen mal als Kinofilm, mal als Comic, mal als TV-Serie um die Gunst der Fans. Und ihre Helden kommen immer wieder.

In den vergangenen Jahren hat sich das Kino gerne beim Fernsehen bedient und Serienstoffe in mal mehr, mal weniger aufregend inszenierten Actionfilme verwandelt: von „Mission Impossible“ bis „Drei Engel für Charlie“ von „Miami Vice“ bis „21 Jump Street“. Inzwischen geht der Trend aber in die andere Richtung. Die Zahl der TV-Serien, die auf Kinostoffen beruhen, war im 20. Jahrhundert noch ziemlich überschaubar, reichte von „Lassie“ über „M.A.S.H.“ bis zu „Fame“. Doch seit ein paar Jahren drängen Film­adaptionen fast im Wochenrhythmus ins TV-Programm. Wes Cravens „Scream“ gibt es inzwischen ebenso als Serie wie Steven Spielbergs „Minority Report“ oder Steven Soderberghs „The Girlfriend Experience“. Komödienfans dürfen sich zum Beispiel zwischen „Rush Hour“ oder „School of Rock“ entscheiden, Freunde des Horrorgenres bekommen in „Hannibal Rising“ die Vorgeschichte von „Das Schweigen der Lämmer“ erzählt und in „Bates Motel“ Variationen von Hitchcocks „Psycho“ vorgesetzt. Eine Serie nach Michael Crichtons Science-Fiction „Westworld“ strahlt HBO vom 2. Oktober an aus. In Vorbereitung ist zudem bereits eine Serienversion der Barry-Sonnenfeld-Komödie „Get Shorty“.

Bisher überzeugte eigentlich nur „Fargo“ als Serie

Der Trend hält also an, obwohl die Serienfassungen von Kinofilmen bisher in den seltensten Fällen überzeugen können – mit Ausnahme vielleicht von „Fargo“. Die Coen-Brüder haben mit dem Film aus dem Jahr 1996 nicht nur die Vorlage für die Serie geliefert. Sie haben als ausführende Produzenten auch dafür gesorgt, dass Noah Hawleys Serienfassung die Ästhetik und Topik des Films raffiniert variiert, dass diese tris­te kalt-graue Welt, die irgendwo im Nirgendwo liegt, von der Lust am Absurden und bitterböser Komik durchdrungen ist.

Die Serie „12 Monkeys“ bleibt dagegen weit hinter ihrem Vorbild zurück. Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel, dass Aaron Stanford, der James Cole spielt, nicht die Klasse hat, die Bruce Willis in derselben Rolle in Terry Gilliams Film aus dem Jahr 1995 hatte. Das Original war ein virtuos-verwirrender, mit der Zeitreiseparadoxie spielendes Meisterwerk, ­während die erste Staffel der gleichnamigen ­Serie nur ein konventioneller Science-Fiction-Thriller ist, bei dem es darum geht, durch Reisen in die Vergangenheit eine Pandemie zu verhindern, die in der ­Zukunft fast die gesamte Menschheit ausrotten wird. Nur wer das Glück hat, ­Gilliams’ Film damals verpasst zu haben, merkt das vielleicht gar nicht.

RTL Nitro, mittwochs, 22.50 Uhr; und ab 11. August auf DVD (Universal)




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