Kirche in Not Beim Priestermangel hilft noch beten

Kilian Krug gehört zu den wenigen jungen Männern, die sich für den Priesterberuf entscheiden. Foto: dpa
Kilian Krug gehört zu den wenigen jungen Männern, die sich für den Priesterberuf entscheiden. Foto: dpa

Nur noch 58 Männer haben sich 2015 für den Dienst am Altar entschieden. Die Lage in den katholischen Gemeinden wird sich weiter zuspitzen. Die Verantwortlichen setzen auch auf das Gebet, um mehr Nachwuchs zu gewinnen.

Politik: Michael Trauthig (rau)
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Stuttgart - Ob die Zahl einen historischen Negativrekord bedeutet, mag zweifelhaft sein. Sicher ist, dass sie einen Tiefststand zumindest der jüngeren Geschichte markiert: Lediglich 58 Männer haben sich laut der neuen Statistik der katholischen Deutschen Bischofskonferenz im vergangenen Jahr zu Priestern weihen lassen. So wenig Nachwuchs für den Dienst am Altar gab es in den vergangenen 50 Jahre nie. 1962 hatte es noch fast zehnmal so viele Neupriester gegeben. 1990 waren es immerhin noch fast 300. Doch der Schwund hielt in den folgenden Jahren mehr oder weniger kontinuierlich an. 2008 wurde erstmals die 100er-Grenze unterschritten. 2014 erhielten noch 75 Theologen die Weihe, und jetzt der weitere Einbruch.

„Der Priestermangel in den Gemeinden wird sich verschärfen“, sagt daher Manuela Pfann von der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Prognose fällt ihr leicht. Denn schon seit fast 40 Jahren treten mehr Pfarrer in den Ruhestand, als junge Seelsorger nachkommen. Nun erreichen weitere starke Weihejahrgänge die Altersgrenze von 70 Jahren. Im Rottenburger Bistum sieht die wohl etwas optimistische Rechnung der Verantwortlichen entsprechend aus: Rund zehn Priester werden jährlich pensioniert, aber nur drei bis fünf kommen nach. Dieses Jahr gibt es in Württemberg sogar nur eine einzige Priesterweihe – wie erstmals im Jahr 2012. Genauso schlecht sieht es übrigens in Speyer, Essen und Berlin aus. In Passau wird es sogar gar gar keine Weihe geben.

Ein Franziskus-Effekt ist noch nicht spürbar

2016 wird die Gesamtbilanz in Deutschland vermutlich etwas besser ausfallen als 2015, gleichwohl gibt es noch keinen spürbaren „Franziskus-Effekt“, auf den manche Ausbilder der Theologen zu hoffen scheinen. Ähnliche Erwartungen hatte man bereits gehegt, als der deutsche Papst Benedikt sein Amt angetreten und der Weltjugendtag in Köln 2005 für eine gewisse Euphorie gesorgt hatte. Doch die Hoffnungen wurden auch damals enttäuscht. So verändert der Nachwuchsmangel das kirchliche Leben an der Basis stark. Weil es heute nur noch rund 14 000 katholische Geistliche und damit rund ein Viertel weniger als noch vor 20 Jahren gibt, sind vielerorts Pfarreien zur größeren Einheiten – manche sprechen von XXL-Gemeinden – zusammengeschlossen worden. Außerdem wird Personal aus der Ferne geholt: Bereits rund 2300 Priester kommen aus dem Ausland. „Von dort haben wir jedes Jahr weit mehr Bewerbungen, als wir letztlich annehmen können“, betont Pfann. Außerdem lege der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst darauf Wert, dass diese Zuwanderer keine Lückenbüßer, sondern eine Bereicherung für die Gemeinden seien. Ihr Anteil liege bei etwa 30 Prozent – wenn man die Gemeinden fremder Muttersprache mitberücksichtigt. Momentan sind in der Diözese also rund 180 Gastarbeiter-Priester im Einsatz.

Diese Männer stammen zur Hälfte aus Indien, zur anderen Hälfte aus afrikanischen Ländern. Sie müssen häufig nicht nur Sprachbarrieren überwinden, sondern sich auch auf eine fremde kirchliche Kultur einlassen, was nicht immer ohne Konflikte abgeht.

Für den ausbleibenden Nachwuchs in der Bundesrepublik gebe es viele Gründe, sagen Experten. „Wesentlich ist der Rückgang der Glaubenspraxis. In den Gottesdiensten finden sie ja kaum noch junge Leute, die in den Dienst der Kirche treten könnten“, sagt Michael Maas, der Leiter des Freiburger Zentrums für Berufungspastoral. Dazu komme die Alterung der Gesellschaft. „Fachkräftemangel sehen Sie an vielen Stellen, etwa in der Pflege oder bei den Lehrern“, meint der 40-Jährige. Daneben spielten natürlich die Skandale der vergangenen Jahre – die Missbrauchsfälle und die Finanzaffäre im Bistum Limburg – eine Rolle.

Der Priesterberuf hat ein Negativimage

Außerdem leidet der Priesterberuf nach Einschätzung von Maas unter einem Negativimage. Wenn sich jemand für diese Laufbahn entscheide, gerate er gegenüber seinen Freunden und Verwandten oft unter einen hohen Rechtfertigungsdruck. Der Zölibat spiele da zwar mit hinein, sei aber nicht entscheidend: Schon im 19. Jahrhundert hätten Theologen dessen Abschaffung gefordert, weil sonst keine Neupriester mehr zu gewinnen seien. Doch am Keuschheitsgelübde wird der Papst in naher Zukunft ohnehin nicht rütteln. So versucht die Kirche auf andere Art, den Beruf des Geistlichen wieder attraktiver zu machen. Das Zentrum für Berufungspastoral hat zum Beispiel einen Blog eingerichtet. Dort ist zu lesen, wie eine junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester in seinem Alltag begleitet. „Wir wollen so zeigen, dass Pfarrer normale Menschen sind und der Beruf unglaublich schön und erfüllend sein kann“, erklärt Maas. Die Resonanz auf das Projekt sei sehr gut. Allein im vergangenen Monat sei man über Facebook auf diese Weise mit mehr als 780 000 Leuten in Kontakt gekommen.

In Rottenburg wiederum bastelt das Ordinariat daran, durch neue Modelle der Gemeindeleitung die Geistlichen zu entlasten und die Aufgabe so wieder anziehender zu machen. „Der Pfarrer der Zukunft ist kein Einzelkämpferseelsorger, sondern eingebettet in ein Team“, betont Pfann. Und so hilflos es auf den ersten Blick wirkt, Besserung erhoffen sich die Verantwortlichen auch durch die Kraft des Gebets. Eigens wurde in Freiburg eine Monstranz entwickelt, damit die Gemeinden bei der Anbetung mit ihrer Hilfe die Bitte um mehr Berufungen vor Gott bringen können. In den USA, so erzählt Maas, hätten Diözesen mit ähnlichen Initiativen bereits Erfolge gehabt. Die Zahl der Seminaristen habe sich erhöht. Der Theologe relativiert auch die Bedeutung des momentanen Tiefststandes. So habe es Anfang des 20 Jahrhunderts auch einen massiven Priestermangel gegeben, weil nach dem Ersten Weltkrieg die Männer fehlten und sich viele das Studium nicht leisten konnten. Doch das Blatt konnte hernach gewendet werden.

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