Kirchengemeinde in Stuttgart-Heumaden Sind die besten 50 Jahre vorbei?

Der Bau der Kirche in Stuttgart-Heumaden begann Mitte der 1960er Jahre. Foto: privat
Der Bau der Kirche in Stuttgart-Heumaden begann Mitte der 1960er Jahre. Foto: privat

Alarmiert ist er, verzagt nicht, sagt Stefan Karbach. Karbach ist katholischer Priester auf den Fildern, und am Wochenende feiert er mit der Gemeinde in Heumaden deren 50. Geburtstag. Das ist Anlass, Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu wagen.

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Heumaden - Fünfzig Jahre. Das ist ein Meilenstein. Ein solches Jubiläum muss groß gefeiert werden, und auch die katholische Gemeinde Sankt Thomas Morus in Heumaden steckt in den Vorbereitungen für ein Fest. Zwischen 1964 und 1967 wurde die Kirche mit dem prägnanten 30-Meter-Turm geplant und gebaut, am 10. September 1967 wurde sie geweiht. Eheleute feiern nach 50 Jahren die goldene Hochzeit. Auch in Sankt Thomas Morus wird gefeiert. Aber die goldenen Zeiten, die sind vorbei.

Der Plan ist nicht aufgegangen

Gerade in den 60ern und 70ern wurden viele Kirchen gebaut in Württemberg, weil man davon ausging, dass die Gemeinden mit den Stadtteilen wachsen. Aufgegangen ist der Plan nicht. Die Kirchen verlieren vor allem in den Städten – durch Wegzüge, Sterbefälle, weniger Kinder, Kulturmix, Imageprobleme. Bei den beiden Diözesen im Südwesten standen 2016 den 1120 Zugängen mehr als 27 250 Austritte gegenüber.

Auch Stefan Karbachs Job wird davon geprägt. Seit weniger als einem Jahr ist er Pfarrer in Heumaden, aber nicht nur. Der 56-Jährige steht der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart Johannes XXIII vor, dazu gehören Sankt Michael in Sillenbuch, Sankt Antonius in Plieningen und Mariä Himmelfahrt in Degerloch. Der Pfarrer tanzt auf vielen Hochzeiten. Nicht nur wenige Schäflein gibt es, sondern auch zu wenige Hirten. Unter anderem die zölibatäre Lebensform leuchtet vielen nicht mehr ein. Stefan Karbach selbst hat sich erst mit 46 zum Priester weihen lassen. „Mit 25 war mir das zu früh“, bekennt er. Auch dass keine weiblichen Priester zugelassen würden, sei etwas, was vielen „die endgültige Bindung zumindest erschwert“. Stefan Karbach spricht vom Schatz und Ballast von 2000 Jahren.

Heumaden ist eine der kleinsten katholischen Gemeinden in Stuttgart

Die Eintritte machten auch in Heumaden nur etwa ein Zehntel gegenüber den Austritten aus. Dabei ist Sankt Thomas Morus ohnehin mit etwa 1600 Mitgliedern eine der kleinsten der katholischen Gemeinden im evangelisch geprägten Stuttgart. Die gute Konjunktur federt vieles ab. Die Kirchen- ist an die Lohn- und die Einkommenssteuer gekoppelt, „das steht aber nicht im Verhältnis zur wirklichen Struktur“, räumt Karbach ein, „das wird sich in mittelbarer Zeit in unseren Finanzmöglichkeiten niederschlagen“.

Rosa Braun und Stefan Karbach Foto: Holowiecki

Alarmiert ist er, verzagt nicht. „Man muss sich rühren und Veränderungen in der Kirchlichkeit zur Kenntnis nehmen“, sagt er. Weniger als zehn Prozent der Mitglieder besuchen im Schnitt die Sonntagsgottesdienste. 460 Menschen fänden Platz. „Trotzdem fühlen sich die anderen 90 Prozent zugehörig“, sagt Stefan Karbach, nicht trotzig, aber bestimmt. An den Knotenpunkten des Lebens wünschten viele spirituelle Begleitung. Taufe, Kommunion, Trauung, Bestattung. Und auch der Kindergarten Sankt Thomas Morus werde nicht selten bewusst gewählt. Es ist das Wirken nach außen, mit dem die Kirche Heumaden prägt. Vor allem in der Jugendarbeit sind die Kirchenleute aktiv und betreiben den Kindertreff Wilde 13, zudem ist die Gemeinde Gesellschafter bei der Mobilen Jugendarbeit. Ebenfalls auf ihr Konto gehen Fasching, Frauenkreis, Montagscafé sowie Nachbarschaftshilfe. Daran soll sich in absehbarer Zeit nichts ändern. „Mit mir wird das Engagement für die Gesellschaft nicht wegfallen“, betont Stefan Karbach.

Die Ehrenamtlichen seien aktiver denn je

Getragen wird die Arbeit insbesondere von Ehrenamtlichen. Diese „Brückenbauer“ seien das Gesicht der Kirche im Ort. Rosa Braun (68) ist eine von ihnen. Die stellvertretende Vorsitzende des Kirchengemeinderats leitet den Seniorenkreis, kümmert sich aber auch drum, wenn die Heizung im Gotteshaus ausfällt oder nimmt die neuen Stühle fürs Fest in Empfang. „Ich geh’ da drin auf“, sagt sie und spricht von einer starken Gemeinschaft, „ich finde das gigantisch.“ Der Pfarrer weiß, dass er den Freiwilligen viel zu verdanken hat. Für den Geistlichen zählt nicht die Quantität, sondern die Qualität. „Ich glaube, dass die Katholische Kirche nie eine so hohe Dichte an Ehrenamtlichen hatte.“ Auch der Anteil der entschiedenen Christen sei hoch, „das finde ich ermutigend“. Liegt das auch an unruhigen gesellschaftlichen und politischen Zeiten? Stefan Karbach nickt. „Ich glaube, dass der Glaube den Menschen was zu geben hat, was das Leben leichter macht.“

Das Gemeindefest ist am Sonntag, 12. November. Der Festgottesdienst, umrahmt von mehreren Musikgruppen, beginnt um 10 Uhr, danach werden im Gemeindesaal ein Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen serviert. Zudem gibt es ein Programm, einen Basar und einen Tag der offenen Tür im Kindergarten.




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