Kleine Insel, große Sportler Das Handballgeheimnis der Isländer

Von Jürgen Frey 

Die SG BBM Bietigheim holt Trainer Hannes Jon Jonsson als Retter vor dem Abstieg. Der TVB Stuttgart setzt in der neuen Saison auf die Spielmacherkünste von Elvar Asgeirson. Island liegt in der Handball-Bundesliga im Trend. Eine Suche nach den Hintergründen.

Isländischer Ausnahme-Spielmacher: Aron Palmarsson. Foto: AFP 14 Bilder
Isländischer Ausnahme-Spielmacher: Aron Palmarsson. Foto: AFP

StuttgartRunar Sigtryggsson kennt sich aus in Württemberg. Er spielte bis 2000 noch zu Zweitligazeiten bei Frisch Auf Göppingen. In der Saison 2016/17 trainierte er den HBW Balingen-Weilstetten. Der Isländer fühlte sich immer wohl im Schwabenland. Bei der Frage nach dem isländischen Handballgeheimnis muss der 46-Jährige schmunzeln: „Wir Isländer sind wie die Schwaben – geboren, um zu arbeiten. Handball passt eben zu unserer Mentalität.“ Was er mit einem Augenzwinkern sagen will: Diese Kampfsportart für richtige Kanten ist wie gemacht für schaffige Schwaben und furchtlose Wikinger.

Fünf isländische Trainer bei der WM

Da passt es ja wunderbar, dass auch zwei württembergische Bundesligisten auf Impulse von der Vulkaninsel setzen: Der TVB Stuttgart hat sich für die neuen Saison für Spielmacher Elvar Asgeirsson als Ersatz für Michael „Mimi“ Kraus entschieden. Die SG BBM Bietigheim setzt seit einer Woche im Kampf gegen den Abstieg auf Trainer Hannes Jon Jonsson. Isländische Handballlehrer liegen voll im Trend. Bei der vergangenen WM wurden fünf Nationalmannschaften von Isländern trainiert: die Isländer selbst von Gudmundur Gudmundsson, der Dänemark 2016 zum Olympiasieg führte, dazu Österreich von Patrekur Johannesson, Bahrain von Aron Kristjansson, Schweden von Kristjan Andresson, der in der neuen Saison Nikolaj Jacobsen bei Bundesligist Rhein-Neckar Löwen ablöst, und nicht zu vergessen Japan, das den deutschen Europameisterschaftscoach von 2016, Dagur Sigurdsson, mit einer Millionen-Offerte köderte.

Ausnahme-Spielmacher Aron Palmarsson

Es sind aber nicht nur seit je gute Trainer, zu denen auch Titelhamster Alfred Gislason vom THW Kiel gehört, die Island in die Handballwelt entsendet, es sind auch grandiose Spieler. Meist sind das keine aufgemöbelten Kraftprotze, sondern teamtaugliche Athleten mit blitzgescheiten Ideen und flinken Beinen, die in Schlüsselsituationen die richtigen Entscheidungen treffen. Der aktuelle Prototyp ist Spielmacher Aron Palmarsson (28) vom FC Barcelona, der sich bei der WM gegen Deutschland früh verletzte, früher war es der brillante Linkshänder Olafur Stefansson.

Glänzende Nachwuchsförderung

Mit seinen 338 000 Einwohnern hat Island gerade mal ein bisschen mehr als die Hälfte der Einwohner von Stuttgart. Warum kann diese kleine Nation eine solch große Rolle spielen im Handball? Die Mentalität, das Fachwissen der Trainer sind wichtige Kriterien, hinzu kommt die glänzende Förderung des Nachwuchses. „Auch eine D- oder C-Jugend wird bei uns unglaublich gut und professionell trainiert“, sagt Sigtryggsson. „Die Mannschaften haben fünf bis sechs Einheiten pro Woche. In Deutschland kämpfen die Vereine oft um zwei.“

Hinzu kommt die im Vergleich zu Deutschland deutlich größere Unterstützung durch Staat und Kommune, ähnlich wie dies auch in Frankreich der Fall ist. Sigtryggsson nennt ein Beispiel aus seiner Geburtsstadt Akureyri: „Dort hat es fünf Sporthallen für drei Vereine.“ Und noch etwas führt der ehemalige Nationalspieler (118 Länderspiele) für den hohen Stellenwert seiner Sportart im Land von Vulkan Eyjafjallajökull an: „Handball ist nun mal eine Wintersportart, das passt ideal zum isländischen Wetter“, sagt Sigtryggsson.

Isländische Tradition in Württemberg

Der Rechtshänder war nicht der erste Isländer, der nach seinem Wechsel unter den Hohenstaufen Ende der 1990er Jahre in Württemberg sein Geld mit Handball verdiente. Vor ihm waren dies bei Frisch Auf bereits 1974 Geir Hallsteinsson, das Brüderpaar Olafur und Gunar Einarsson (1975 bis 1979) und später August Svavarsson. Auch beim TVB Stuttgart ist der künftige Regisseur Elvar Asgeirsson von UMF Afturelding nicht der erste Wikinger, der sich im Club die Ehre gibt: Rechtsaußen Arnor Thor Gunarsson (2010 bis 2012) und Torwart Björgvin Pall Gustavsson (2007 bis 2009) spielten für den damaligen TV Bittenfeld.

Flexible und spontane Menschen

Dieses reiselustige Völkchen ist offenbar gerne auf Achse. „Wir Isis sind spontane Menschen, die geprägt sind von einem flexiblen Schulsystem und die weniger Planungssicherheit benötigen als Mitteleuropäer“, erklärt Sigtryggsson. Bei einer Rückkehr auf die Insel im Nordatlantik gebe es immer wieder Chancen auf einen beruflichen Wiedereinstieg auch außerhalb des Sports. Nur die absoluten Spitzenpositionen in der Wirtschaft seien schwer erreichbar, ansonsten bietet der Markt auch für Quereinsteiger viele Möglichkeiten.

Das dürfte auch die Neu-Württemberger Hannes Jon Jonsson und Elver Asgeirsson bei ihren Aufgaben in Bietigheim und Stuttgart ein Stück weit beruhigen. Denn ausgesorgt dürften sie nach dem Handball nicht haben. „Wir sind zwar ähnlich fleißig wie die Schwaben, aber lange nicht so sparsam, wir geben das Geld schneller aus“, sagt Sigtryggsson und fügt mit einem Grinsen hinzu: „Das liegt an der hohen Inflation in unserem Land.“ In dem kleinen Land, in dem Handball eine so große Rolle spielt.