Königspaar zu Stuttgart-Besuch Hartelijk welkom in Württemberg

Der Besuch von Maxima und Willem-Alexander Foto: dpa 11 Bilder
Der Besuch von Maxima und Willem-Alexander Foto: dpa

So viel gemeinsam: Unser Kolumnist Gerhard Raff erinnert sich an die Beziehungen des niederländischen Königshauses zu Württemberg. Und er schreibt seiner Majestät einen etwas überaus standesgemäßen Brief.

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Stuttgart - Eurer jugendlichen Majestät Keenich Willem (IV.) Alexander, Prinz von Oranien-Nassau, Jonkheer van Amsberg, Graf von Katzenelnbogen etc. etc., der Sie am heutigen 4.Juni 2013 das Neue Schloss zu Stuttgart betreten werden, geben wir zu kund und wissen, dass Eure „lieve Moeder“ Beatrix Koningin der Nederlanden vor genau 31 Jahren, 3 Monaten und 1 Tag – am 3. März 1982 – ebenfalls in diesem Gebäude die Gastfreundschaft des schwäbischen Volkes genossen hat und seinerzeit dem vorliegenden Intelligenzblatt folgende Fakten taufrisch und brühwarm entnehmen konnte:

A) dass dieses Schloss von ihrem Ururururgroßvater Herzog Friedrich Eugen (1732–1797) seinem Bruder Herzog Carl Eugen (1738–1793) errichtet wurde, von dessen landesväterlicher Fertilität ein weiterer Bruder, der Herzog Ludwig Eugen (1731–1795), gesagt hat: „Ich könnte in meinem Land und an meinem Hof das sechste Gebot nicht übertreten, ohne Gefahr zu laufen, einen Incest zu begehen.“

B) dass aus diesem Grunde der Frau Mama Beatrix zahllose Bäsle und Vetterle zujubeln werden.

C) dass Herzog Friedrich Eugens Tochter, die russische Zarin Maria Feodorowna (1759–1828), sowohl die Mutter unsrer württembergischen Königin Katharina Pawlowna (1788–1819) als auch der holländischen Königin Anna Pawlowna (1795–1865) geworden ist.

D) dass ihre Ururgroßmutter Anna Pawlowna anno 1816 den (späteren) König Willem II. der Niederlande (1792–1849) geheiratet und mit ihm den König Willem III. (1817–1890) in die Welt gesetzt hat.

E) dass dieser Willem III. anno 1839 mit König Wilhelms I. von Württemberg und Königin Katharinas schöner und hochintelligenter Tochter Sophie (1818–1877) von der Sophienstraße verkuppelt wurde und ganz Stuttgart ein einziger Festsaal war.

F) dass unsere gute Sophie aber todunglücklich wurde, dieweil der Herr Gemahl sich als bösartiger Saukerle und Sittenstrolch entpuppte.

G) dass sie herzzerreißende Briefe nach Stuttgart geschrieben hat, sie wäre lieber ein Wäschweib im Bohnenviertel denn Königin in Holland geworden, und dass, nachdem ihr eine Zigeunerin prophezeit hatte, sie werde in einem grünen Zimmer sterben, sie daraufhin ihr ganzes Palais grün tapezieren ließ.

H) dass sie nach der statt einer nicht möglich gewesenen Scheidung vorgenommenen „Trennung von Tisch und Bett“ ihre Sommer immer in Stuttgart bei ihrem geliebten Vater verbrachte, nach dessen Tod aber hier am Hofe nicht mehr erwünscht war.

I) dass sie auch an ihren leider nach dem Vater geratenen drei Söhnen keine Freude haben konnte, und dass diese allesamt noch vor ihrem Erzeuger starben, so dass das königliche Haus Oranien-Nassau ausgestorben wäre.

J) dass der verwitwete Willem daher im hohen Alter anno 1880 noch die blutjunge Emma zu Waldeck-Pyrmont (1858–1934) zum Weibe nahm. Und die war die Schwester der lieben, zum Leidwesen des Königreichs Württemberg so jung im dritten Kindsbett verstorbenen Prinzessin Marie (1857–1882) vom Marienplatz. Und deren Gemahl, Keenich Wilhelm II. (1848–1921) war nun plötzlich der Schwager des Schwiegersohns seines Großvaters. Und während die Emma den Holländern mit ihrer Tochter Wilhelmina (1880–1962) eine Thronfolgerin gebar, galt in Württemberg das salische Erbfolgerecht, das Frauen von der Thronfolge ausschloss, übrigens auch in Luxemburg: War Willem III. auch noch Großherzog Luxemburg gewesen, mussten sich die Lützelburger nach dessen Tod 1890 einen männlichen Nachfolger (aus dem verwandten Haus Nassau-Weilburg) holen.

K) dass Königin Wilhelminas Tochter dann die Königin Juliana (1909–2004) wurde, jene volksnahe, mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahrende Monarchin. Als Genealogin war sie Käuferin von Raffs Dissertation „Hie gut Wirtemberg allewege“ Band I (1988, in 5. Aufl. z. Zt. vergriffen) und II (1993) gewesen, bei Band III (2002) war sie zur Lektüre nicht mehr fähig.

M) dass Friedrich Schiller, nebenan in der (zu seinem 200. Geburtstag 1959 termingerecht abgerissenen) Hohen Carlsschule zum Genie gereift, in der Nacht zum 23.September 1782 aus dem Ländle geflüchtet ist, als Ahnfrau Maria Feodorowna mit ihrem Gemahl, dem Zarewitsch Paul (dem Kleinen von Katharina der Großen), zu Gast bei Onkel Carl Eugen auf der Solitude weilte.

N) dass der flüchtige Regimentsmedicus Schiller anno 1788 (also jetzt vor 225 Jahren) in Jena die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ verfasst hat. Und damit jene Zeit beschreibt, da der sich gegen die spanische Besatzungsmacht auflehnende Freiheitskämpfer und Heldenahn Wilhelm Fürst von Oranien, Graf von Nassau-Dillenburg (1533–1584) zum Statthalter der Niederlande berufen wird und seine Nachkommen dieses Amt von Generation zu Generation weitervererben, bis nach einem kurzen napoleonischen Zwischenspiel anno 1815 der Sohn des letzten Erbstatthalters 1815 als Willem I. (1771–1843) erster König der Niederlande wird. Übrigens: Anno 1802 in der Säkularisation war ihm – dem damaligen „Fürsten von Fulda, Grafen von Corvey, Weingarten und Dortmund“ – unter anderem das schwäbische Kloster Weingarten im Oberland zugeschanzt worden, das er allerdings schon 1806 dem Onkel seiner späteren Schwiegertochter Anna Pawlowna (und Großvater der unglücklichen Schwiegerenkeltochter Sophie!), dem dicken Friedrich von Württemberg (1754–1816), dem frischgebackenen König von Napoleons Gnaden, abtreten musste . . .

O) dass die Holländer bis heute ihren freiheitsdurstigen Heldenahn in ihrer offiziellen Nationalhymne „Het Wilhelmus“ feiern: „Wilhelmus von Nassawe / bin ich von teutschem blut, / dem vaterland getrawe, / bleib ich bis in den todt…“

P) dass die Grafschaft Orange in der Provence, 1163 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa zum Fürstentum erhoben, anno 1530 auf dem Erbweg an die Nassauer kam und diesen dann 1713 durch Sonnenkönig Ludwig XIV. weggeraubt wurde wie nachmals auch die Niederlande durch Napoleon. Und so möchten wir den jungen König schon jetzt freundlich einladen, an der Einweihung der von einem Stuttgarter gestifteten Stauferstele in Nijmegen eine Rede zu halten. In dieser Stauferpfalz hat bekanntlich Barbarossas Gemahlin Beatrix von Burgund den Thronfolger Kaiser Heinrich VI. (1165–1197) zur Welt gebracht, den Vater Kaiser Friedrichs II. (1194–1250) – „der erste Europäer“ und vielfacher Vorfahre von Willem Alexander, aber auch von Häberles, Pfleiderers, Nägeles und Scheufeles. Met vriendelijke groet an das koninklijk paar und wir wiederholen den Vers, den der Bierwirt Lorenz anno 1839 in Stuttgart zu Sophies Hochzich gedichtet hat: „Ob mit, ob ohne Witz, gut meint’s der Schwabe doch: Hoch lebe Württemberg, Oranien lebe hoch!“




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