Kolumne „Familiensache“ Das C-Wort, das keiner mehr hören will

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Kann man eigentlich noch einen Text über den Familienalltag schreiben, ohne das Wort Corona zu gebrauchen? Unser Autor hat’s ausprobiert. Einfach war es nicht.

Es ist allgegenwärtig: Corona. Foto: imago images/Christian Ohde
Es ist allgegenwärtig: Corona. Foto: imago images/Christian Ohde

Stuttgart - Neulich beim Essen: „Also dieser Typ, der kann ja vor Kraft kaum laufen, der wischt die Tafel nicht mit einer Handbewegung ab, sondern rennt von einem Ende zum anderen und hält nur den Schwamm hoch. Ich zeig dir das mal.“ Mein Sohn springt durch den Wohnraum und imitiert mit einer nicht zu leugnenden theatralischen Begabung die Körpersprache seines muskelbewehrten und offensichtlich bewegungsunterforderten Bio- und Sportlehrers – den er im übrigens ganz cool findet. Warum ich diese Nichtigkeit erzähle? Irgendwie schein es mir, als könne man sich gar nicht mehr über den normalen Schulalltag, die ganzen Misshelligkeiten, die Situationskomik, über empfundene oder tatsächliche Ungerechtigkeiten, über die Oberbekleidung des weltabgewandten Physiklehrers (Zitat: „da passt Arsch nicht auf Hose“) und andere Dinge unterhalten, ohne unweigerlich diesen Begriff aus dem Vokabular des Virologen zu verwenden, der die Buchstaben C und A erhält, aber nicht für ein Kaufhaus steht. Ich habe mir aber vorgenommen, dieses Wort hier einfach mal zu meiden.

Aber was hätten wir sonst an Themen? Den Führerschein meiner Tochter vielleicht. Man weiß heute nicht mehr, ob die Heranwachsenden so was brauchen. Wer hat heutzutage schon ein Auto, wenn er in einer Metropolregion wohnt? Die Zeiten, als blasierte Jurastudenten mit ihrem Golf vor dem Hörsaal parkten, sind vorbei. Wer cool sein will, fährt Rad und trägt Vintage. Dennoch haben wir meine Tochter bestärkt, den Lappen zu machen. Wer weiß, wozu es gut ist. Teuer ist es auf jeden Fall. Mir jedenfalls wurde klar, dass auch die Lizenz zum Fahren eine Wegmarke auf der Strecke des Abschieds vom Elternhaus ist. Irgendwann kommt der Moment, in dem die Kinder in den gemieteten Kombi oder Transporter steigen und ihre neue Lebensmitte ansteuern.

Die Tochter will ins Ausland – geht das mit C...?

Diesen aufkeimenden Trennungsschmerz fühle ich auch, wenn ich dran denke, dass meine Tochter nächstes Jahr nach dem Abi für ein Sozialpraktikum nach Schottland gehen wird. Da dürfte es deutlich ruhiger bei uns werden. Kein gemeinsames „Babylon-Berlin“-Schauen mehr, keine Diskussionen über Politik und Geschichte, kein gemeinsames Kochen oder Herumschrauben am Fahrrad. Und überhaupt: wer füttert morgens die Katzen? Aber vielleicht macht dieses Coron… Ups, beinahe wäre mir das Wort jetzt doch noch herausgerutscht. Also: Vielleicht machen die aktuellen Verwerfungen unseres Zusammenlebens solche Zukunftspläne obsolet. Das aber will ich mir lieber nicht vorstellen.

Immerhin: die epidemiologische Götterdämmerung, die unser Land verdunkelt, spornt viele Jugendliche auch zu neuen Höchstleistungen an. Laut Aussage meiner Tochter hat ihre zur Teil-Quarantäne verdammte Peergroup jüngst einen neuen Kommunikationsrekord aufgestellt: 12 Stunden Smalltalk vom Nachmittag bis in die frühen Morgenstunden, gestützt auf ein neues Smartphone-Tool, dessen Namen ich vergessen habe. Auf jeden Fall kann man damit im Echtzeit sprechen, Musik hochladen und Filme austauschen. Wenn sie nächstes Jahr im Ausland ist, muss ich mir das genauer anschauen.

Martin Gerstner begleitet die Schulkarrieren seiner beiden Kinder mit Interesse und Ehrfurcht. Ansonsten ist er seinen Kindern oft peinlich und erfüllt damit die vorgesehene Rolle als Vater.




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