Kolumne „Familiensache“ Nichts für Kontrollfreaks

Von Andrea Kachelrieß 

Alkoholverbot, Videokontrolle, strengere Aufenthaltsregeln: nach der Stuttgarter Krawallnacht rufen viele nach mehr Autorität. Wer in einer Familie lebt, weiß allerdings: Harte Bandagen sind selten eine gute Lösung.

So ordentlich aufgestellt wie beim Tischkicker ist die Familienmannschaft nie. Und das ist gut so: Bei Konflikten helfen  Flexibilität mehr als starre Regeln. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
So ordentlich aufgestellt wie beim Tischkicker ist die Familienmannschaft nie. Und das ist gut so: Bei Konflikten helfen Flexibilität mehr als starre Regeln. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Manchmal kommt mir das Familienleben vor wie ein Spiel, bei dem sich die Regeln ziemlich schnell ändern können. Plötzlich kommt der Ball, den ich sonst souverän gefangen habe, aus einer ungeahnten Richtung: Ich reiße die Hände noch hoch. Zu spät, er haut mich um. Dann bleibt nur eins: aufstehen, Krönchen richten, weiterspielen.

Ein Leben mit Kindern ist nichts für Menschen, die gern die Fäden in der Hand halten. Wenn ich mich richtig erinnere, war „nein“ nach Papa und Mama eines der ersten Wörter, das meine Kinder kannten. Für Kontrollfreaks ist ein Hund oder eine Führungsposition sicherlich die erfüllendere Alternative.

Bei einem Info-Abend in einer Stuttgarter Geburtsklinik fragte vor Jahren ein werdender Vater den Arzt: „Können Sie garantieren, dass Ihre Hebammen meinem Kind einen schönen Nabel schlingen?“ Gelächter im Saal, der Arzt sagte: „Nein, wie der Nabel wird, hängt von den Genen ab.“

 

Unterricht in homöopathischen Dosen

Meine Kinder haben zum Glück schöne Näbel und sind aus Muttersicht auch sonst ganz gelungen. Trotzdem fliegen mir die Bälle wie vielen berufstätigen Eltern gerade heftig um die Ohren: Unterricht in homöopathischen Dosen, die viel, aber nicht immer sinnvoll genutzte Freizeit lassen; ein zu früh vom Gap-Jahr heimgekehrtes Kind, das im Corona-Exil nach Krankenversicherung, Studienplatz, Job und warmen Mahlzeiten verlangt; ein weiteres Familienmitglied im Homeoffice, das den besten Platz für Telefonkonferenzen belegt. Und kaum schaut man mal weg, sind Heranwachsende zu Gast, die den Weinkeller plündern. Dabei habe ich noch Glück gehabt: Unten im Kessel sah’s nach der Samstagabendparty wilder aus.

Helfen mehr Kontrolle, Verbote, strengere Regeln, um besser durch schwierige Zeiten zu kommen? Als Abwehrspielerin im Familienteam habe ich da meine Zweifel, harte Bandagen hinterlassen auf beiden Seiten blaue Flecken. Besser geht’s mit Liebe, Vertrauen, Respekt – und Flexibilität. Vielleicht sollten sich einfach mehr Menschen auch jenseits der Stadtfest-Zeltzeit mal auf ein Bier an den Stuttgarter Eckensee setzen. Das ist ja eigentlich ein schöner Ort, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Andrea Kachelrieß hat zwei Kinder, und das seit einigen Jahren. Gefühlt bleibt sie in Erziehungsfragen aber Anfängerin: Jeder Tag bringt neue Überraschungen. In der Stuttgarter Zeitung betreut sie die Kinderliteratur.

 




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