Unser Autor guckte früher mit seinem Vater stundenlang Wintersport. Seine eigenen Söhne kann er heute überhaupt nicht dafür begeistern. Doch jetzt hat er einen familienkompatiblen TV-Sport gefunden: Darts.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Winterzeit, Familienzeit. Die stellt man sich immer besonders heimelig vor, gerade so, wie es einem die TV-Werbung Jahr für Jahr oft schon im Frühherbst aufs Neue vorspielt. Adrett gekleidete Kinder überraschen die Eltern am Wochenende mit einem Frühstück am Bett, danach geht es zusammen auf eine malerische Schlittenfahrt in ein Winterwunderland. Und abends mümmeln sich alle gemeinsam unter die Sofadecke und schauen gemeinsam und gut gelaunt eine lustige Fernsehratesendung an, bei der die Kinder mit einer kolossalen Allgemeinbildung aufwarten.

Meine Frau und ich haben noch nie von unseren Söhnen Frühstück am Bett serviert bekommen. Die beiden sind zuhause auch nicht besonders adrett gekleidet, sondern tragen mit Vorliebe Polyester-Trainingshosen. Für das Brötchenholen sind ebenso wie für die Frühstückszubereitung die Eltern zuständig. Während der Kleinere (10) diese Serviceleistung immerhin zu schätzen weiß und dies auch kommuniziert, ist der Ältere am Wochenende vor 11 Uhr für ein Gespräch nicht in der Lage – zum Beispiel bezüglich der Tagesplanung. Und dann ist der Schnee mit Blick aufs Schlittenfahren auch schon wieder geschmolzen, wenn er denn in Stuttgart überhaupt einmal fällt. Weitere Vorschläge werden von den Kindern in der Regel abgelehnt, weil sie sich mit Freunden bereits am Vortag zum Kicken verabredet haben. Nur Schnee hätte sie von diesem Plan abbringen können.

Wenn der Vater den Kindern leid tut

Immer nur Fußball. Jeglicher Versuch, meine Söhne zumindest in sportlicher Hinsicht etwas breiter aufzustellen, ist über viele Jahre hinweg kläglich gescheitert. Vor allem was den TV-Sport betrifft.

Im Winter saßen mein Bruder und ich mit unserem Vater früher ständig zusammen vor dem Fernseher. Die Vierschanzentournee war dabei neben den Olympischen Winterspielen das absolute Veranstaltungshighlight und vom Stellenwert weit über einem Spieltag in der Fußballbundesliga angesiedelt. Wir haben die Sprungweiten getippt, „Zieh“ geschrien, Landungen kommentiert und uns unserem Vater nahe gefühlt.

Ich glaube, ich tue meinen Kindern leid, wenn sich mich allein die Vierschanzentournee anschauen sehen. Sie würden mir sicher gerne länger Gesellschaft leisten, aber spätestens nach fünf Minuten sind sie mit ihrer Geduld am Ende. Der Ältere konstatiert dann noch: „Meiner Meinung nach ist das mehr Skifallen als Skispringen.“ Dann ziehen sich beide zurück, um sich über die Chancen auf den Klassenverbleib von Newcastle United in der englischen Premier League auszutauschen. Da kennen sie jeden Spieler, den Namen auch nur eines Skispringers können sie dagegen nicht nennen. Was ist da in der Erziehung schief gelaufen?

Kontrastprogramm zum Profifußball

Zum Glück haben wir mittlerweile eine Familien-kompatible Sportart gefunden, wobei es noch nicht abschließend geklärt ist, ob Darts überhaupt als Sport durchgeht. Das ist aber völlig egal. Wir spielen inzwischen Darts auf der heimischen Profischeibe und mit derselben Begeisterung schauen wir Turniere im Fernsehen an - auch meine Frau, die übrigens ein großer Fan des gerade wieder zum Weltmeister gekürten Peter „Snakebite“ Wright ist.

Das Pfeilzielwerfen ist dann auch das Kontrastprogramm zum Profifußball mit seinen abgehobenen Bubis, denen meine Kinder nacheifern wollen. Durch Darts lernen sie jetzt auch das echte Leben kennen. Oftmals sind hier wenig durchtrainierte Mittvierziger das Maß aller Dinge, die teilweise auch noch grundsolide Berufe ausüben. So wie meine Lieblingsspieler Jonny Clayton, genannt The Ferret, das Frettchen. Obwohl das Frettchen allein 2021 über 500 000 Euro an Preisgeld verdient hat, arbeitet er weiterhin als Stuckateur für die städtische Wohnbaugesellschaft in irgendeinem walisischen Kaff – und das auch noch in Vollzeit. Das imponiert auch meinen Kindern, die dem früheren Rugbyspieler Gerwyn „Iceman“ Price beziehungsweise dem niederländischen Gemüsebauern Dirk „Auberginius“ van Duijvenbode die Daumen drücken.

Und wenn die dann alle im TV zu sehen sind, mümmelt sich doch noch die ganze Familie unter der Sofadecke zusammen. Ganz so wie in der winterlichen Fernsehwerbung.

Die beiden Söhne von Stuttgart-Reporter Peter Stolterfoht (14 und 10) hören einen Satz täglich von ihm: „Also, wenn ich mir das bei meinem Vater erlaubt hätte…, nicht auszudenken.“

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