Kolumne Kreis Böblingen Distanzlos auf dem Wertstoffhof

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Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche sind die meisten Menschen mit Entrümpeln beschäftigt. Das gilt auch für die meisten Gemeinderäte. Nur Böblingens OB Stefan Belz schafft das Unmögliche.

Nicht sehr kuschelig: Gemeinderatssitzung in Grafenau Foto: Stefanie Schlecht
Nicht sehr kuschelig: Gemeinderatssitzung in Grafenau Foto: Stefanie Schlecht

Böblingen - Die Putzwut der Kreisbewohner hat einen Höhepunkt erreicht. Bereits zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Tagen sendet der Böblinger Abfallwirtschaftsbetrieb „einen dringenden Appell“ aus: „Reduzieren Sie Wertstoffhofbesuche auf ein Minimum, und verschieben Sie das Entrümpeln auf später!“ Unter normalen Umständen neigt der Mensch eigentlich zum Prokrastinieren. Aber die Umstände sind nicht normal, und unangenehmer als Aufräumen ist nur noch, keine Ablenkung zu haben.

Der Abfallwirtschaftsbetrieb verlangt also das schier Unmögliche von seinen Bürgern: Sie sollen das Entsorgen von Sperrmüll und trockenen Wertstoffen auf später verschieben, wenn es wieder genügend andere Dinge zu tun gibt. Aber es geht darum, die Gesundheit der Mitarbeiter und Menschen zu schützen, was ebenfalls unmöglich ist, wenn sich zu viele auf den Wertstoffhöfen tummeln. Um es ganz deutlich zu machen: Ein Besuch dort ist gerade mindestens so wertvoll wie Klopapier. Nur zehn Kunden dürfen sich gleichzeitig auf dem Gelände befinden. Schilder weisen auf den dringend erforderlichen Abstand von zwei Metern zu den anderen Artgenossen hin. Neu eingeführt wurde „der berührungslose Zahlungsverkehr“, der über eine Schale für die Geldübergabe stattfindet.

Die Kreisbewohner sind den Beschäftigten des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWB) offenbar viel zu nahe gekommen. Bei manchen war die Einsamkeit so groß, dass drei Flaschen und zwei Dosen als Grund für einen Besuch genügten. Wolfgang Bagin ist das Verhalten ein Rätsel: Angesichts der drastischen Beschränkungen der Landesregierung und der täglichen Berichte über die Ausbreitung der Pandemie müssten die Bürger „allmählich den Ernst der Lage begreifen“, findet der AWB-Leiter. „Von Verpackungen und Wertstoffen geht keine Gefahr für die Bevölkerung aus, diese kann man vorübergehend zu Hause zwischenlagern“, heißt es in der Mitteilung außerdem, falls jemand die Problemlage nicht einschätzen kann.

Aber nicht nur beim Entrümpeln müssen sich die Menschen momentan zügeln. Auch für Kommunalpolitiker stehen harte Zeiten an. Die Stadt Herrenberg hat die anstehenden Ausschusssitzungen abgesagt. Alle Themen sollen im Gemeinderat am 31. März abgehandelt und „die Diskussion dabei auf das Nötigste begrenzt werden“, hat die Verwaltung verlauten lassen. Das Treffen findet in der Stadthalle unter Wahrung des Mindestabstands von 1,50 Metern statt. In der Grafenauer Wiesengrundhalle hat sich schon gezeigt, dass unter diesen Umständen sicherlich kaum ein Kommunalpolitiker zu Redseligkeit neigt. Angesichts dieser Isolation erscheint ein Besuch auf dem Wertstoffhof in der Tat kuschelig.

Nur Stefan Belz ist einmal mehr in der Lage, das Unmögliche zu schaffen. Zum Entrümpeln wird er gar nicht erst kommen, „bürgernah“ ist er jedoch auch in Zeiten von Corona: Dieses Mal zwar nicht bei einem Winterspaziergang oder einer Frühlingsradtour. Er lädt am Mittwoch, 25. März, zur Online-Sprechstunde auf Facebook ein. Bis 15 Uhr können Bürger dort ihre Fragen stellen und von 17 bis 18 Uhr dann mit Böblingens Oberbürgermeister chatten – und sich hoffentlich auf eine verträglichere Art entrümpeln.