Kolumne: Nieder mit dem Konsumwahn! Mode zum Teilen wird in Stuttgart immer beliebter

Von Uwe Bogen 

Partnertausch ist umstritten. Kleidertauschpartys dagegen sind sinnvoll und lustig, findet unser Kolumnist. In Stuttgart wird Mode zum Teilen immer beliebter, wie nicht nur der Online-Versand Temporary Wardrobe beweist.

Jeanne Krichel und Nora Erdle (rechts) bieten  Mode zum Mieten in  ihrem Laden Temporary Wardrobe im Heusteigviertel oder im Netz an. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Jeanne Krichel und Nora Erdle (rechts) bieten Mode zum Mieten in ihrem Laden Temporary Wardrobe im Heusteigviertel oder im Netz an. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Bis zum Überlaufen voll ist dein Kleiderschrank, aber dennoch findet sich nichts darin, womit du das Haus verlassen magst. Die Lieblingsjeans kneifen, der Pullover kratzt, und warum du dieses quietschegrüne Hemd mal so toll gefunden hast, ist dir völlig schleierhaft.

Was dann geschieht, wiederholt sich unzählige Male. Ein großer Sack muss her, um ihn mit den nicht mehr geliebten Klamotten vollzustopfen – und weg damit in den nächsten Altkleidercontainer. Dann geht’s los zur Shoppingtour. Je günstiger die neue Kleidung, umso besser.

Massenproduktion belastet die Umwelt

Für unsere Schnäppchen-Ware zahlen andere weit weg einen hohen Preis. Gestatten Sie, liebe Leserinnen und Leser, jetzt mal den moralischen Kolumnen-Zeigefinger zu erheben. Dabei weiß es jeder von uns auch so: Die meisten Textilien werden in fernen Ländern hergestellt, in denen die Näherinnen und Näher, auch viele Kinder, unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgebeutet werden. Für einen Billiglohn arbeiten sie bis zu 16 Stunden täglich. Die Massenproduktion schadet obendrein der Umwelt: Viel Wasser, Rohstoffe und Energie werden benötigt, und Chemikalien verschmutzen die Gewässer.

Bevor Sie aus diesem Text aussteigen, weil Nachhaltigkeit zwar gut ist, man sich aber keine Verhaltensregeln von anderen freiwillig reinziehen mag, sei eines gleich gesagt: Die Alternative zur Wegwerfgesellschaft kann lustig und unterhaltsam sein! Amüsiert hat mir ein Freund kürzlich per Whatsapp geschrieben: „Was es alles gibt! Neben Partnertausch kann man jetzt auch Kleider tauschen!“

Kleidertauschparty im Casa Schützenplatz

Tau(sch)frisch ist die Idee nicht. Die Primark-Ausweitung in Stuttgart hat das Thema wieder hochgebracht. Weil die Kleider so extrem billig sind, werden wir dazu animiert, ständig was Neues zu kaufen. Doch Gedanken, was das bedeutet, machen sich wenige. Bei der Kleidertauschparty, zu der zuletzt am Sonntag etwa 30 Käufer und Verkäufer im Alter von etwa 20 bis 40 Jahren ins Casa Schützenplatz im Kernerviertel gekommen sind, ist dies anders. Da treffen sich Menschen, denen ein „weltweit verantwortungsvoller Konsum“ wichtig ist. Um Geld geht’s ihnen nicht.

Für diese Recycling-Party wird kein Eintritt verlangt, es ist keine finanzielle Beteiligung erforderlich. „Die Tauschidee ist vom Bürgerverein Casa bombastisch umgesetzt“, findet eine Teilnehmerin, „das wird extrem gut aufgenommen in der Umgebung dort.“ Aber auch von außerhalb, etwa aus Waiblingen und Leonberg kamen Menschen, die Mützen, Blusen und Jacken tauschten. Was keinen Abnehmer findet, soll gespendet werden. Nicht allein um Kleider dreht sich’s – eine gute Party dient immer auch der Kommunikation, dem Kennenlernen, dem Spaß.

Das Prinzip Secondhand (aus zweiter Hand) gilt beim Kleider- wie beim Partnertausch. Unberührt und ungetragen muss nicht immer sein. Beim Shoppen lassen wir uns möglicherweiser schneller verführen als in der Liebe. Man nimmt aus den Regalen was mit nach Hause, was man eigentlich gar nicht brauchen kann. Damit wird der Kleiderschrank immer voller, in dem nur noch in alten Filmen der Liebhaber steckt, wenn der Ehemann heimkehrt. Über alles scheinen moderne Menschen reden zu wollen. Nicht immer gelingt der Partnertausch, wie unsere Kanzlerin erkennen muss. Das Flirten in Jamaika ging gehörig daneben – schon ist Frau Merkel zum alten Partner zurückgekehrt, obgleich die Liebe zu den Roten in Wahrheit erloschen ist.

Mode zum Mieten im Heusteigviertel

Moderne Menschen tauschen nicht nur – sie mieten. Rent a Spaghetti Midi Dress, miet dir ein Maxikleid mit Spaghetti-Trägern! Bei der Stuttgarter Firma Temporary Wardrobe kann man per Online oder mit Anprobe im Heusteigviertel Designerkleider, Hosen, Taschen, Schuhe, Brillen und Schmuck ausleihen – entweder für sieben Tage zum Preis von etwa 20 Euro oder im Abo für 59 Euro, mit dem man im Monat drei Teile in der Flatrate mieten kann.

Dem Konsumwahn geht’s an den Kragen. Oder er verwandelt sich in einen Tauschrausch. Ist gut, wenn wir für nix Wenigeres als für eine bessere Welt zusammenhalten. Aber hallo Partner – dankeschön!

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