Kolumne von Götz Aly „Selige Erinnerung an Auschwitzens …“

Von Götz Aly 

Unser Kolumnist Götz Aly lebt zur Zeit zu Forschungszwecken in Jerusalem. Bei einer Recherche in Yad Vashem fiel im ein Schriftstück in die Hände, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Unser Autor Götz Aly hat in Jerusalem Papiere aus Auschwitz gelesen. Foto: Markus Wächter
Unser Autor Götz Aly hat in Jerusalem Papiere aus Auschwitz gelesen. Foto: Markus Wächter

Stuttgart - Gern hätte ich über diese Kolumne die Überschrift gesetzt „Der Deutsche als Schwein“. Aber das darf man Tieren nicht antun. Was hatte mich hier in Jerusalem derart in Rage versetzt? Vor ein paar Tagen reichte mir Rachel, Archivarin in Yad Vashem, ein Blatt mit einem kurzen handgeschriebenen Text und bat mich, denselben zu entziffern und zu erklären. Es ging um Auschwitz. Berufsbedingt habe ich mir insoweit die Haut eines Gerichtsmediziners zugelegt. Doch diesmal versagte der Selbstschutz.

Facharzt für Frauenheilkunde

Auf dem Blatt steht der letzte Eintrag im Gästebuch von Rudolf Höß, des Kommandanten von Auschwitz, unterschrieben von H. Goebel, Ilse Geyer und C. (Carl) Clauberg am 6.1.1945. Fräulein Geyer war die Sekretärin von C., der sie nebenbei zur medizinischen Assistentin weitergebildet hatte. H. (Dr. Johannes, genannt Hans) Goebel war Pharmazeut bei der Schering Kahbaum AG, zu der auch C. enge Verbindungen unterhielt. Gemeinsam hatten die beiden dort, C. als externer Facharzt für Frauenheilkunde, seit 1929 die Erforschung des Hormons Gestagen vorangetrieben, die für die spätere Erfindung der Antibabypille bahnbrechend wurde. C. und G. kooperierten wissenschaftlich auch mit Adolf Butenandt, der für seine Hormonforschungen 1939 den Nobelpreis für Chemie erhielt und in dessen Institut 1944 Hunderte Blutproben von experimentell infizierten Häftlingen aus Auschwitz untersucht wurden, um Prädispositionen und Resistenzen für bestimmte Krankheiten herauszufinden; 1960 wurde B. Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Menschenversuche zur seriellen Sterilisierung

1940 avancierte Clauberg, mittlerweile Professor, zum Chefarzt der Frauenklinik in Königshütte – 40 Kilometer von Auschwitz entfernt. Im Frühjahr 1942 beantragte er bei Heinrich Himmler Menschenversuche zur seriellen Sterilisierung von Frauen, die Völkern angehörten, die zwar für die deutsche Edelrasse arbeiten, sich jedoch nicht vermehren sollten. (Um die Eileiter zu durchtrennen, musste man damals noch, kompliziert und teuer, die Bauchhöhle öffnen.) Himmler stimmte zu, und Clauberg erprobte sein Schnellverfahren an 500 gefangenen Frauen in Auschwitz. Via Vagina spritzte er eine gemeinsam mit Goebel entwickelte, noch geheime Flüssigkeit in die Eileiter, um diese mit Hilfe einer lokalen Entzündung zu verkleben. Ilse Geyer assistierte. Das geschah ohne Narkose, nicht wenige Frauen starben, alle erlitten extreme Schmerzen und wurden verstümmelt. Im Juni 1943 berichtete Clauberg selbstzufrieden an Himmler: „Mit der von mir erdachten Methode“ können „von einem entsprechend eingeübten Arzt mit vielleicht zehn Mann Hilfspersonal höchstwahrscheinlich mehrere hundert, wenn nicht gar 1000 (Frauen) an einem Tage“ sterilisiert werden.

Am 6. Januar 1945, die Russen rückten heran, schmissen Fräulein Geyer, Dr. Goebel und Prof. Clauberg ihre Abschiedsparty gemeinsam mit Kommandant Höß und verewigten sich im Gästebuch: „In seliger Erinnerung an ‚alte‘ Zeiten – und in noch schönerem Erleben an neuem Ort! (Aus Auschwitzens Selbstverständlichkeit wird Oranien – Ravensbrücken - burgers Gemütlichkeit).“ Mit Oranienburg ist das KZ Sachsenhausen gemeint. Bald trafen die Drei im Frauen-KZ Ravensbrück ein und setzten ihre Menschenversuche fort. Bis ihnen sowjetische Soldaten am 3. Mai auch dort das Handwerk legten.

Vorausschau
Am kommenden Dienstag, 17. November, schreibt an dieser Stelle unsere Autorin Sibylle Krause-Burger




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