Heute trinkt kein Fußballbundesligatrainer mehr etwas, keinen Tee, keinen Kaffee.und erst recht kein Bier – obwohl ja im Fußball nicht wenig für Bier geworben wird. Aber wie würde das denn ausschauen, ein Trainer mit Bierflasche in der Hand?

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

München - Anders als das Herrengedeck (Pikkolo und Pils), das, glaube ich, selbst in Schwarzwaldlokalen ausgedient hat, die von Natur aus Retro sind, hält sich im Konferenzwesen auf dem Tisch noch ein Getränkekranz, in dessen Mitte gerne eine kleine Flasche mit schwarzem Johannisbeersaft steht. Meistens wird sie nicht angerührt, auch wenn die sie umgebenden Bouteillen bereits getestet wurden, wobei der Begriff angebrochen wörtlich zu nehmen ist. Wenn man über das Jahr alle flüssigen Reste zusammenschüttete, welche von Konferenzteilnehmern, die fürs Trinken nicht bezahlen mussten, stehen gelassen wurden, könnte man ein neues Weltmeer aufmachen.

Eindeutig widersetzen sich diesem Trend nur Bundesligafußballtrainer, denen man früher nach dem Spiel und vor der Pressekonferenz gerne mal eine Tasse Kaffee oder, im Fall von Felix Magath, einen Pfefferminztee hinstellte. Magath ließ den Beutel mitunter zehn Minuten baden, ehe er ihn über einem kleinen Löffel mit Hilfe des Fadens regelrecht strangulierte. Wenn das Spiel für seine Leute verloren gegangen war, konnte das sehr lange dauern, und Magath lächelte dann immer besonders maliziös: als sähe er im Geiste bereits vor sich, wer am nächsten Morgen eine kleine Sonderschicht einlegen müsse.

Trainer trinkt allenfalls zu Demonstrationszwecken

Heute trinkt kein Trainer mehr etwas, keinen Tee, keinen Kaffee. Keine Zeit. Ganz selten mal reicht es – aber auch nur zu Demonstrationszwecken – zum Schluck aus einer Flasche des Sponsorengebindes, das kann sogar der schwarze Johannisbeersaft sein. Nur kein Bier, obwohl ja im Fußball nicht wenig für Bier geworben wird. Wie würde das denn ausschauen? Als ob die Leute Dienstliches und Privates nicht auseinander halten könnten. Oder noch schlimmer: es nötig hätten.

Der Letzte, der ganz unförmlich drauf pfiff, ob die Öffentlichkeit ihn in diesen Dingen zumindest leicht unkorrekt finden könnte, war der Bundeskanzler a. D., Gerhard Schröder. Brummig wie ein niedersächsischer Bauer, der wähnt, es sei ihm ein Stück von der Scholle abhanden gekommen, raunzte er weiland einen Vasallen an, ihm eine Flasche Bier zu holen. Anderenfalls gehe er, Schröder, noch vor der Signierstunde in einen ungeordneten Ausstand über, setzte er hinzu. Diese Szene markierte den Abschied von einer Zeit, als sich weder Volk noch Volksvertreter groß was dabei dachten, wenn Bundeskanzler zum Spott Weinbrand genannt wurden (Vorname Willy), oder, mit ein paar Bocksbeuteln in der Birne (F.J. Strauß), vor Millionenpublikum im Fernsehen sich manisch und deppert wiederholend über „diese Ungereimtheiten in Bonn“ beklagten.

Andrea Nahles zieht fragende Blicke auf sich

An solche, nun ja, Sternstunden, muss unterschwellig Andrea Nahles, die SPD-Generalsekretärin, gedacht haben, als sie unter der Woche leicht klagend feststellte, es habe, anders als 2005, noch nicht mal was zu trinken gegeben bei den Beratungen mit der CDU/CSU. Also Alkohol. Nahles stieß auf fragende Blicke. Andererseits: so unverständlich ist das vielleicht nicht, auf zumindest ein kleines Bier zu hoffen, wenn man stundenlang Alexander Dobrindt von der CSU gegenübersitzt. Ich weiß, wovon ich rede – und ich muss keine Regierung mit ihm bilden. Danke, Schicksal!

Darüber hinaus ist Andrea Nahles nun mal aus der Eifel, geboren in Mendig, wohnhaft in Mayen, und hätte fast mal über Walter Scott promoviert, wenn sie nicht dringend in der SPD gebraucht worden wäre. Scott, Sie erinnern sich bestimmt, war der wildromantische schottische Erfinder sehr spezieller Haudegen (Ivanhoe, Waverley, Anne of Geierstein). Der schiss sich nix, und was man in Schottland gen Feierabend und nach Kampfeshandlungen so zu sich nimmt, weiß man ja.

Ein Schnaps kommt niemals allein

Trinktechnisch gesehen liegt die Eifel eh nicht weit entfernt von Schottland, weil man hier wie dort sprichwörtlich davon überzeugt ist, auf einem Bein nicht stehen zu können. Ein Schnaps, heißt das, kommt niemals allein. Noch hinzu kommt, dass Menschen aus solch rauen Gegenden wie der Eifel (analog: Schwäbische Alb, Bayrischer Wald) eh zum Nonkonformismus neigen. Nahles war bekanntermaßen die erste – wenn auch sehr gewöhnungsbedürftige – Sängerin im Deutschen Bundestag (Text: Pippi Langstrumpf, Melodieführung ins Atonale: Nahles).

Gleichwohl kennt sie nach zwanzig Semestern Germanistik auch ihren Hölderlin, und dass es so etwas geben muss wie nüchterne Trunkenheit (sobria ebrietas). Anders wird es nun wohl doch nicht gehen, als die große Koalition gewissermaßen als das Clausthaler aller politischen Konstellationen anzusehen: hat, was man so braucht, schmeckt aber trotzdem keinem richtig.