Kommentar zu Einschaltquoten Das Original schlägt die Kopie

Die Zahlen werden den ARD-Intendanten den Jahreswechsel gründlich vermiest haben: Das Erste ist nicht mehr das Erste. Foto: dpa
Die Zahlen werden den ARD-Intendanten den Jahreswechsel gründlich vermiest haben: Das Erste ist nicht mehr das Erste. Foto: dpa

Das Erste ist nicht mehr das Erste. Bei den Quoten verweist RTL die ARD auf Platz zwei. Es wird Zeit, sich neue Ziele zu setzen.

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Stuttgart - Das Erste ist nicht mehr das Erste. Diese Zahlen werden den ARD-Intendanten den Jahreswechsel gründlich vermiest haben: Das erste Fernsehprogramm der Republik (aktueller Slogan: "Wir sind eins") hat seine Marktführerschaft an die private Konkurrenz von RTL abtreten müssen - obwohl das Fernsehjahr 2010 gleich zwei sportliche Großereignisse bot, die größtenteils bei den Öffentlich-Rechtlichen zu sehen waren, nämlich die Fußball-Weltmeisterschaft und die Olympischen Winterspiele. Und obwohl die ARD-Übertragung des WM-Halbfinales zwischen Deutschland und Spanien am 7. Juli mit 31,1 Millionen Zuschauern den bisher höchsten Einzelwert überhaupt in der Geschichte der Quotenmessung erzielte.

Denn so verzwickt ist inzwischen die Lage: Noch immer ist die "Tagesschau" um 20 Uhr die mit Abstand erfolgreichste Nachrichtensendung in Deutschland. Noch immer belegt der Sonntags-"Tatort" in der Hitparade der meistgesehenen Sendungen sechs der vorderen zehn Plätze. Und Lena Meyer-Landrut ersang sich im Mai beim Eurovision Song Contest in Oslo nicht nur den Sieg, sondern bescherte dem Ersten mit mehr als 14 Millionen Zuschauern die meistgesehene Abendsendung diesseits der Sportübertragungen. Aber all diese mit hohen Kosten verbundenen Anstrengungen erbrachten den ARD-Chefs nur einen mageren Zuwachs von 0,5 Prozent. Während die Kölner Privatkonkurrenz scheinbar ohne viel Mühe um 1,1 Prozent zulegt und im Wettkampf um Prestige und Werbekunden die Pole-Position erringt. Es sind eben nicht mehr die Höhepunkte und Sonderleistungen, die den Quotenkampf entscheiden - es ist der Fernsehalltag. Und just hier haben sich gerade die jüngeren Jahrgänge von den Öffentlich-Rechtlichen weitgehend verabschiedet. ARD und ZDF? Uncool.

Aus Analysen werden "Brennpunkte"


Nun hat die Quote ja bekanntlich nicht automatisch etwas zu tun mit Qualität. Eigentlich könnten die Fernsehchefs die Ergebnisse der Quotenzähler mit einem Achselzucken quittieren: Überlassen wir die deutsche Stammtischführerschaft doch getrost dem Privatfernsehen mit seinen brünftigen Bauern, nörgelnden Nannys und bratzblöden Bohlens! Aber so läuft es ja leider nicht. Vielmehr setzt sich offenbar just das Erste zum Ziel, die Privaten an dünnbrettbohrender Massenwirksamkeit möglichst noch zu überbieten. Da, wo es seine ureigensten Qualitäten hätte, die wirklich nur durch Gebühren zu finanzieren sind, nämlich in der differenzierten Berichterstattung aus aller Welt, im qualitätsvollen Film und bei der Kultur im weitesten Sinn, da wird abgebaut oder in Nischen verbannt. Aus Analysen werden "Brennpunkte", die guten Filme kommen um Mitternacht, und anstelle von Debatten treten Talkshows mit Hans-Renate Henkel-Künast.

Die Öffentlich-Rechtlichen hecheln nach Platz eins, weil sie glauben, sie hätten Platz eins nötig. Und in diesem folgenreichen Irrtum werden sie durch die Medienpolitik noch bestärkt. Denn der große Einschnitt kommt ja noch: Das neue System der Rundfunkgebühren, die ab 2013 nichts anderes sein werden als eine Zwangsabgabe für alle Haushalte, Büros und Betriebe, wird den Bürgern gehörig Unmut bereiten. Wer so seine Einnahmen erzielt, ist zum platten Erfolg vermutlich verdammt.

Sicher, das deutsche Fernsehen steht im europäischen Vergleich noch gut da. Und dennoch fragt man sich, warum über 7 Milliarden Euro Gebühreneinnahmen pro Jahr zu einem Programm führen, das sich nach den Themen der Privaten zu richten scheint - um dann bei der Endabrechnung doch nur Klassenzweiter zu werden. Ob die ARD-Intendanten die aus solcher Perspektive schlechten Nachrichten zum Jahresanfang nutzen werden, um mal ganz frisch über öffentlich-rechtliche Qualitäten nachzudenken - darauf zu hoffen, will der Zuschauer bestimmt nicht aufgeben. Aber darauf wetten mag er schon lang nicht mehr.




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