Kommentar zu Homosexualität Auf dem richtigen Weg

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Die Resonanz auf das Outing von Thomas Hitzlsperger zeigt, dass unsere Gesellschaft doch noch nicht so liberal und aufgeschlossen ist, wie sie selber denkt. Aber es geht voran, konstatiert der StZ-Redakteur Christian Gottschalk.

Thomas Hitzlsperger erntet für sein Coming-out großen Respekt. Foto: dpa
Thomas Hitzlsperger erntet für sein Coming-out großen Respekt. Foto: dpa

Stuttgart - Was sind wir doch für ein liberaler, fortschrittlicher und aufgeklärter Haufen! Da erklärt ein ehemaliger Fußballspieler, dass er Männer liebt – und wird dafür sofort mit Lobpreisungen überschüttet. Von der Presse, von Kollegen, von den sogenannten Vertretern der Gesellschaft hagelt es Anerkennung. Sprecher von Parteien und Kirchen äußern ihre Bewunderung, sogar die Bundesregierung nimmt – selbstverständlich positiv – Stellung, und in Italien schreibt eine Zeitung, dass in Deutschland eine andere Mauer gefallen sei. So weit, so gut. Die Frage ist nur: Stimmt das denn überhaupt?

Vermutlich nur zum Teil. Wenn die sexuellen Neigungen des ehemaligen Nationalspielers tatsächlich auf eine völlig liberale, fortschrittliche und aufgeklärte Gesellschaft getroffen wären, dann wäre die einzig denkbare Reaktion doch die folgende gewesen: Ist halt schwul, der Hitzlsperger. Na und? Man würde sich dann wieder den Themen zuwenden, die die Welt bewegen sollten: den Flüchtlingen aus Syrien, der Kriegsgefahr in Fernost, dem Anstieg von Temperaturen und Meeresspiegeln. So ist es aber nicht. Ohne Absprache, aber in breiter Übereinstimmung berichten Zeitungen, Fernsehen, Radio und das Internet über das Outing eines ehemaligen Spitzensportlers. Die Vielzahl der Kommentare, die von den Nutzern daraufhin abgegeben werden, zeigt, dass hier zumindest Gesprächsbedarf besteht.

Jeder möge sich doch selber kritisch prüfen

Denn natürlich gibt es auch in Deutschland Schwulenhasser. Das sind Menschen, die in den eigenen Reihen auch mit ziemlich dumpfen Argumentationen auf breite Zustimmung treffen. Eine Mehrheit stellen sie nicht. Die Mehrheit wird erklären, dass es eines jeden Menschen Recht sei, seine sexuellen Vorlieben selbst zu bestimmen. Doch wieder muss man die Frage stellen: Stimmt das denn überhaupt?

Es möge sich doch bitte jeder Vertreter dieser Mehrheit einmal kritisch prüfen. Wann vertritt er die Ansicht der freien, sexuellen Selbstbestimmung: Wenn es um Männerliebe im Allgemeinen geht? Bleibt er dabei, wenn sich ein schwules Pärchen als potenzieller Mieter vorstellt oder in der Öffentlichkeit küsst? Denkt er nach wie vor so, wenn in der Nachbarschaft zwei Männer einziehen, die gemeinsam ein Kind aufziehen? Viele, die bei diesem Gedankenspiel ergebnisoffen in sich gehen, werden bemerken, dass es Abstufungen in der eigenen Meinung gibt, dass das eigene, liberale, fortschrittliche und aufgeklärte Denken vielleicht nicht durchgehend störungsfrei bleibt. Die Selbstverständlichkeit der sexuellen Selbstbestimmung stößt im Detail an Grenzen. Das ist überhaupt nicht weiter schlimm – aber es ist ein Grund dafür, warum das ganze Thema durch Thomas Hitzlsperger solch eine immense Aufmerksamkeit bekommt.

Die Grenzen im Denken verschieben

Schlimm wäre es, wenn sich diese Grenzen nicht bewegen würden. Das tun sie aber. Man kann nun trefflich darüber streiten, ob das Tempo dabei stimmt und wie viel insgesamt noch zu tun sei. Daran, dass sich für Homosexuelle in den letzten Jahrzehnten vieles zum Besseren gewendet hat, besteht jedoch kein Zweifel. Und eines ist klar: wer erst einmal die Rechte der Schwulen verbessert, der sorgt damit auch für eine Verschiebung der Grenzen im Denken der Menschen. Ganz einfach schon deswegen, weil mehr Schwule von ihren Rechten Gebrauch machen und so ein Stück weit neue Normalität entsteht.

Deutschland als Staat muss sich mit seiner Leistung dabei nicht verstecken, die meisten Menschen müssen es mit ihrer Art des Denkens auch nicht. Zeit und Geduld wird es aber schon noch brauchen, bis die schwule Lebensweise so selbstverständlich geworden ist, dass sie keine Schlagzeilen mehr produziert. Auch das ist nicht schlimm, solange der Weg der richtige ist. Thomas Hitzlsperger hat mit dafür gesorgt, dass dem so ist.