Kommentar zum Papst Den Menschen näherkommen

Auf Papst Franziskus ruhen große Hoffnungen. Zu große? Seine Lebensstationen dokumentieren wir in der folgenden Bilderstrecke. Foto: dpa 11 Bilder
Auf Papst Franziskus ruhen große Hoffnungen. Zu große? Seine Lebensstationen dokumentieren wir in der folgenden Bilderstrecke. Foto: dpa

In Lateinamerika weht der Kirche der selbe raue Wind ins Gesicht wie anderswo auf der Welt. Ein Grund dafür ist, dass sie zu weit weg ist von den Problemen der Menschen, meint der StZ-Südamerikakorrespondent Wolfgang Kunath.

Korrespondent : Wolfgang Kunath (kth)
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Rio de Janeiro - Im Februar 2005 wurde die Nonne Dorothy Stang erschossen. Es war ein Auftragsmord, die 73-Jährige war eine Symbolfigur im Kampf gegen die Holz- und Viehzüchtermafia im brasilianischen Amazonasgebiet. Sie setzte sich dafür ein, dass Kleinbauern auf abgeholzten Flächen siedeln und anbauen können. Papst Benedikt XVI. hat, als er 2007 Brasilien besuchte, seine Märtyrerschwester mit keinem Wort erwähnt. Wie wird sich nun Franziskus verhalten, wenn er im Sommer zum Weltjugendtreffen nach Rio reist? Er ist der erste Papst, der aus Lateinamerika stammt, und das hat eine Woge der Begeisterung ausgelöst. Aber jenseits einer regional-nationalistischen Euphorie: Was können Lateinamerika und seine Kirche von ihm erwarten? Was kann die Weltkirche erhoffen von einem Papst aus Lateinamerika?

Allzu optimistisch sollten die Katholiken nicht sein. In Lateinamerika weht der gleiche Wind wie anderswo auch. Kirchen, in deren ersten drei Reihen niemand unter fünfzig sitzt, während ab Reihe vier alles leer ist – das gibt es längst auch in Lateinamerika. Zwar sind noch viele Menschen katholisch – 42 Prozent aller 1,2 Milliarden Katholiken leben zwischen Mexiko und Feuerland –, aber sie kümmern sich nicht mehr groß um die Doktrin. Der römische Präservativbann löst genauso wie in Europa Kopfschütteln aus, die Ehescheidungen werden als fast so normal angesehen wie die Heiraten. Der Zölibat gilt als genauso skurrile Eigenart wie das Männermonopol im Priesteramt, und die Missbrauchsskandale rufen in Lateinamerika kein geringeres Entsetzen hervor als anderswo.

Von zentralen Dogmen weicht der Papst nicht ab

Wenn von religiöser Vitalität die Rede ist, denkt man in Lateinamerika nicht an die Katholiken, sondern an den stürmischen Vormarsch der evangelikalen, der Pfingst-, der Prosperitätskirchen, zu denen immer mehr Menschen übertreten. Im einst streng katholischen Brasilien sind nicht einmal mehr zwei Drittel der Bevölkerung katholisch – und daran soll die Weltkirche genesen?

Es ist natürlich naiv zu erwarten, dass ein „fortschrittlicher“ Papst seine Kirche so verändert, dass sie mit der heutigen modernen, weltlichen, durch und durch materialistischen und tatsächlich weitgehend gottlosen Gesellschaft in Einklang ist. Egal wie fortschrittlich oder konservativ ein Papst ist, von zentralen Dogmen wird er nicht abgehen können.

Radikales Umdenken etwa bei der Fristenregelung, der Stammzellforschung oder der Homo-Ehe kann man vom Vatikan nicht erwarten. Aber warum muss die Kirche in Lateinamerika und anderswo so weit entfernt sein von den Menschen? Warum schafft sie es nicht, den Bedrängten, den Armen, den Verzweifelten näher zu kommen?

Verlierer des Wirtschaftsmodells

In Brasilien legen die „Evangélicos“, die zum Teil ihre Schäfchen mit Wohlstandversprechen anlocken und gleichzeitig abzocken, gerade dort zu, wo die katholische Kirche nicht vertreten ist, wo sie also die Menschen allein lässt: In den Armensiedlungen am Rande der Metropolen und an der Agrarfront, wo neue Felder, neue Siedlungen entstehen. Und Kirchen, in denen sich monatelang kein Priester sehen lässt – die gibt es überall in Lateinamerika.

Die Befreiungstheologie spielt in der Region keine Rolle mehr, und zwar nicht nur, weil Joseph Ratzinger sie im Auftrag von Johannes Paul II. erfolgreich eliminiert hat, sondern weil marxistische Gesellschaftsanalysen generell aus der Mode gekommen sind. Aber nahe am Menschen dran sein, so wie Dorothy Stang, das ist nicht aus der Mode gekommen. Es ist nötiger denn je; Verlierer des gegenwärtigen Wirtschaftsmodells gibt es überall, in Lateinamerika wie in Europa. Dass der neue Papst als Erzbischof in die Slums gegangen ist, dass er U-Bahn fährt und sich nach seiner Präsentation am Petersplatz zu seinen Kardinälen in den Omnibus gesetzt hat – diese Art der bescheidenen Volkstümlichkeit ist erst einmal kein schlechtes Zeichen.

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