Kommunikation Ist das jetzt unhöflich oder nicht?

Früher vertiefte man sich ins Buch, heute ins smartphone. Foto: picture alliance
Früher vertiefte man sich ins Buch, heute ins smartphone. Foto: picture alliance

Die Mannheimer Soziologin Angela Keppler untersucht den Einfluss von Smartphones und Tablet-Computern auf die Gesprächskultur im Alltag. Sie kann die Klagen von US-Kollegen über mangelnde Aufmerksamkeit nicht verstehen – manchmal kämen die Menschen mit Hilfe der neuen Geräte überhaupt erst ins Gespräch.

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Stuttgart - Ob im Café, in der Straßenbahn oder auf der Parkbank: mobile Geräte werden heutzutage ganz selbstverständlich in Alltagsgespräche integriert. Es entsteht der Eindruck, dass die jungen Leute nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen, weil sie alle pausenlos auf ihre Smartphones oder Tablet-Computer schauen. Die Soziologin Angela Keppler, die als Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Mannheim forscht und lehrt, will in ihrem aktuellen Forschungsprojekt mit diesem gängigen Vorurteil aufräumen.

Das Team um Angela Keppler untersucht in dem Projekt „Mediatisierte Gespräche. Alltagskommunikation heute“, das im Oktober 2012 begonnen hat und im September 2014 beendet werden soll, inwiefern Smartphones, Tablets und andere technische Geräte unsere Alltagskommunikation verändern. Ein Zwischenergebnis des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projektes an der Uni Mannheim lautet, dass moderne Kommunikationsmittel wie Smartphones sogar gemeinschaftsstiftend wirken können. Auch das „Miteinanderreden um des Redens willen“ – das Urprinzip des Smalltalks und flüchtiger Kommunikation in Alltagssituationen – würde keinesfalls durch die neuen Endgeräte, die uns ständig begleiten, verloren gehen. Angela Keppler sagt, dass man sich auch früher schon hinter einer Zeitung oder einem Buch in der U-Bahn verschanzt habe, wenn man seine Ruhe haben wollte. Heute seien es eben Smartphones, in die man sich vertiefen würde.

Feldforschung im Zugabteil

Allerdings hat sich unser Gesprächsverhalten durch die neuen Geräte verändert. Um herauszufinden, wie sehr es sich gewandelt hat, hat das Team um Angela Keppler ganz klassische Verfahren angewandt. Mit ihren Mitarbeitern hat sie insgesamt etwa 200 Alltagssituationen beobachtet und ethnografisch dokumentiert. Die Feldforschung hat im öffentlichen Raum stattgefunden, und die beobachteten Personen gehören allen Altersgruppen an. So wie früher Ethnografen fremde Gesellschaften beobachtet haben, beobachten Soziologen unsere eigene Gesellschaft mit der Methode der Feldforschung. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter von Angela Keppler sitzen dabei auf Bahnhöfen, fahren Straßenbahn oder Bus und gehen auf öffentliche Plätze. Sie haben dazu weder Interviews geführt noch die Menschen befragt, so dass die Selbsteinschätzung der Handynutzer keine Rolle für die Studie spielt.

Keppler räumt ein, dass die Smartphone-Nutzer ihre Umgebung vielleicht nicht mehr ganz so aufmerksam wahrnehmen würden, sich über Tablets oder Smartphones aber auch neue Gespräche ergeben. Angela Keppler berichtet von einem Beispiel aus der S-Bahn: „Wir haben häufig Situationen, in denen mehrere Personen gemeinsam etwas auf einem Tablet oder Smartphone anschauen und darüber reden.“ In diesem Zusammenhang komme es häufig vor, dass sich Fremde ins Gespräch einklinken, „weil das eben quasi öffentliche Infos sind, die hier weitergegeben werden“. Es könne also durchaus passieren, wenn man etwa im Zug nebeneinandersitze, dass man gemeinsame Interessen entdecke und somit über das Smartphone überhaupt erst miteinander ins Gespräch komme. So würden Diskussionen – durchaus auch über politische Themen – gelegentlich durch die technischen Geräte initiiert.

Hilfe oder Zumutung – je nach Recherche

Problematischer hingegen verhält es sich, wenn jemand während eines Zweiergesprächs immer wieder für längere Zeit auf sein Smartphone schaut. Dann sei dies unter jüngeren Menschen zwar noch nicht per se unhöflich, aber es gibt in diesen Situationen eine Schmerzgrenze. Es habe sich etabliert, dass der Smartphone-Nutzer entschuldigend zu seinem Gegenüber sagt: „Ich höre dir zu!“ Wenn dies nicht geschehe und beim anderen die Schmerzgrenze überschritten sei, fragt dieser in der Regel: „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“ Angela Keppler sagt, dass es „durchaus Regeln für den Umgang mit Geräten gibt und eine Art Etikette-Bewusstsein, was hier erlaubt ist und was nicht“. Die Toleranzgrenze dürfte hier unter den Jüngeren deutlich höher sein als unter den Älteren.

Ein Beispiel: wenn sich zwei Freundinnen in einem Café treffen und eine von beiden permanent auf ihr Handy schaut, könnte dies ihre Aufmerksamkeit vom Gespräch unter vier Augen massiv ablenken und den Unmut der Gesprächspartnerin hervorrufen. Es könnte aber auch sein, dass die scheinbar unaufmerksame Freundin, die ständig auf dem Handydisplay herumtippt, sehr aufmerksam dem Gespräch gefolgt ist und ganz nebenbei nach der Lösung des Problems im Internet gesucht hat. Vielleicht braucht die Freundin ganz dringend einen Transporter für ihren Umzug am folgenden Tag und ist vollkommen verzweifelt, weil ihr kurzfristig jemand abgesagt hat. Die Freundin mit dem Smartphone hat während des Gesprächs einen günstigen Mietwagen für den anstehenden Umzug ausfindig gemacht und kann diesen sogleich der Freundin präsentieren.

Ein anderes Thema ist, dass auch in Gesellschaft von Freunden in regelmäßigen Abständen Nachrichten auf dem Smartphone abgerufen werden und gegebenenfalls auch sofort beantwortet werden. Zu diesem Thema hat die bekannte US-amerikanische Soziologin Sherry Turkle in ihrem Buch „Verloren unter 100 Freunden“ Stellung genommen. Sherry Turkle – Mitte der 90er Jahre als fortschrittsbejahende Internetpionierin und Medienanalystin gefeiert – forscht, schreibt und lehrt als Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (USA) rund um das Thema, wie wir Menschen mit den neuen Technologien zurechtkommen.

Angela Keppler sieht keinen Grund zur Klage

Sie wisse, dass ihre Studierenden während der Vorlesung Facebook und Youtube aufrufen und Musik einkaufen. Sie wisse auch, dass sie es ihren – meist erwachsenen – Studenten nicht verbieten könne, vom Unterricht abzuschweifen. Dennoch hat sie während der Recherche zu ihrem letzten Buch den Versuch unternommen und darum gebeten, dass die Studenten ihre Notizen doch bitte auf Papier machen mögen. Einige wenige seien davon begeistert gewesen, berichtet Turkle, und sagten, dass sie nun endlich nicht mehr durch Facebook-Nachrichten in Versuchung geführt würden. Nach einiger Zeit habe die Professorin ihren Studenten dann wieder erlaubt, sich ihre Notizen so zu machen, wie sie es am liebsten tun. Und das sei nun mal meist auf dem Laptop – mit all seinen Verführungen aus dem Internet.

Was Sherry Turkle jedoch am meisten beklagt, ist die Tatsache, dass die jungen Menschen nicht mehr miteinander reden würden, weil ihre Aufmerksamkeit mehr dem Online-Geschehen gilt. Genau dem widerspricht aber die Mannheimer Forscherin Angela Keppler vehement. Keppler kann in der Alltagskommunikation keinen dramatischen Sittenverfall erkennen.

Noch scheint es also eine Generationenfrage zu sein, wie man die neuen technischen Geräte und Möglichkeiten nutzt. Turkle schreibt, dass wir – gerade weil wir noch ganz am Beginn der digitalen Gesellschaft stehen – noch die Möglichkeit hätten, darüber nachzudenken, wie wir die neuen Technologien nutzen wollen. Sie schlägt nicht vor, auf all die Geräte zu verzichten. Aber sie ruft dazu auf, uns einen Umgang damit anzugewöhnen, der uns selbst mehr vor ihnen schützt.

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